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Kaminkehrer brachten Gnadenbildnis nach Böhmen und Schwaben

Blutende Madonna verehrt

Das Gnadenbild „Unsere Liebe Frau vom Blut“ im oberitalienischen Re ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Kaminkehrer, die Nachbildungen in ihrem Gepäck hatten, machten es in Böhmen und Schwaben bekannt.

In Re warf am 29. April 1494 ein Betrunkener, der beim Spiel verloren hatte, aus Wut einen Stein auf das an der Fassade der örtlichen Kirche angebrachte Madonnenfresko. Er traf Maria an der Stirn. Zu seinem Schrecken musste er sehen, dass von der Stirn Blut floss, das auch auf das Jesuskind auf ihrem Schoß herablief.

14 Tage lang war das Blut nicht zu stillen. Man benetzte Tücher mit dem Blut. Eine Wallfahrt zu dem Gnadenbild der blutenden Madonna entwickelte sich. Es trug die Inschrift: „In gremio matris sedet sapientia patris“ – Im Schoß der Mutter thront die Weisheit des Vaters. 

Die Verehrung der „Gottesmutter vom Blut“ wäre wohl nie über das Gebirgsdorf und die nähere Umgebung hinausgelangt, wenn hier nicht die Kaminkehrer beheimatet gewesen wären, die von Re aus im Norden Italiens, mehr aber noch in den Habsburger Landen ihr Handwerk ausübten. Neben ihrem Handwerkszeug begleitete sie immer eine Kopie des Gnadenbildes von Re. In vielen Orten kann man es antreffen. Alexander Hepp aus Bergatreute im Bistum Rottenburg-Stuttgart, wo sich ebenfalls ein solches Bild befindet, hat umfangreiche Forschungen dazu unternommen.

Er ging zunächst der Frage nach, wie das Gnadenbild von Re in Ober-
italien nach Oberschwaben kam. Ein Kaminkehrer hatte sich im böhmischen Klattau niedergelassen und die Verehrung des heimatlichen Gnadenbildes gepflegt. Eines Tages stellte er fest, dass „seine“ Madonna blutete – immer wieder. 1685 wurde das Gemälde zum Gnadenbild erklärt.

Nun wurde in Klattau ein Ratsherr auf das Bild aufmerksam, der der Schwager des Pfarrers von Bergatreute war. Er schrieb dorthin einen Brief und berichtete von dem Wunder. Daraufhin erbat der Geistliche eine Kopie des Gnadenbildes. Es erhielt seinen Platz in der Pfarrkirche und wurde bald zum Ausgangspunkt einer großen Wallfahrtsbewegung. Zahlreiche Gebetserhörungen ereigneten sich, die der Pfarrer dokumentierte.

Hepp schildert ausführlich die Entwicklung der Wallfahrt und ihr Ende in der Säkularisation. Ende des 19. Jahrhunderts lebte die Wallfahrt wieder auf. Neben Re, dem Ursprungsort der Wallfahrt zur „Madonna vom Blut“, sind es also das böhmische Klattau und das schwäbische Bergatreute, von denen die Verbreitung des ungewöhnlichen Gnadenbildes ausging. Wie weit sich diese Verehrung ausbreitete, weist der Autor in einer Liste aller Orte nach.

Eine Karte zeigt: Im deutschen Sprachraum findet sich die größte Dichte solcher Wallfahrten im Gebiet des Bistums Augsburg. So findet zum Beispiel in Emersacker jährlich zum Fest des Gedächtnisses der Schmerzen Mariens (15. September) eine Wallfahrt statt. 

Die umfangreiche Dokumentation der bildlichen Darstellungen im Buch mündet in eine theologische Einordnung des Gnadenbilds: Zu den Autoren zählen neben Kardinal Joachim Meisner der in Re aufgewachsene frühere Nuntius in Deutschland, Kardinal Giovanni Lajolo, sowie der aus Kempten stammende emeritierte Erzbischof von Bamberg, Karl Braun.

Ludwig Gschwind

Info: Der reich bebilderte Dokumentationsband „Maria vom Blut – Ein verletztes Gnadenbild aus Italien verbreitet sich in Mitteleuropa“ von Alexander Hepp ist in erweiterter dritter Auflage beim Christiana-Verlag erschienen, ISBN: 978-3-7171-1350-8, 39,90 Euro.

01.01.2023 - Bistum Augsburg