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Pläne des neuen Wallfahrtsdirektors Erwin Reichart:

Maria Vesperbild soll keine Konkurrenz,
sondern Ergänzung zu normalen Pfarreien sein

MARIA VESPERBILD – Zwar fehlen in einigen Zimmern noch die Vorhänge. Ein paar leere Umzugsschachteln stapeln sich im ersten Stock, und das Kaffeepulver ist unauffindbar. Trotzdem fühlt man sich gleich wohl und bestens aufgehoben im Pfarrhaus von Maria Vesperbild: Erwin Reichart, der neue Leiter der Pilgerstätte, begrüßt den Besucher mit großer Herzlichkeit. Der Katholischen SonntagsZeitung stand er vor dem ersten Osterfest an neuer Wirkungsstätte Rede und Antwort.

Herr Wallfahrtsdirektor, Sie waren 29 Jahre Pfarrer von Ebersbach, Leiter der Pfarreiengemeinschaft mit Ronsberg und Willofs und Dekan des Dekanates Kaufbeuren – eine sehr, sehr breite seelsorgliche Aufgabe. Seit beinahe 100 Tagen hingegen haben Sie vor allem mit einem zu tun: mit Maria Vesperbild, Wallfahrt und Wallfahrern. Wie empfinden Sie den Unterschied?
Die Seelsorge ist an einem Wallfahrtsort nicht mehr so breit gefächert, so gebe ich zum Beispiel keinen Religionsunterricht mehr. Merkwürdig ist für mich auch, dass jeden Sonntag viele andere Gesichter in der Kirche zu sehen sind. Schön ist die Erfahrung einer vollen Kirche, was ich sonst nur an Festen erlebte.

Ihre Amtseinführung in Maria Vesperbild war am 7. Januar, Sie haben aber noch in Ebersbach gewohnt. Ist der Umzug mittlerweile abgeschlossen?
Ja, am 7. März bin ich umgezogen und und war tagelang mit dem Aus- und Einräumen beschäftigt.

An Ihrer neuen Wirkungsstätte warten große bauliche Herausforderungen auf Sie. Wie wollen Sie vorgehen?
Wir hatten schon einige wichtige Besprechungen mit Stefan Mönch vom Diözesanbauamt, dem Architekten, Diözesankonservator Dr. Michael A. Schmid und der Kirchenverwaltung. Unter Prälat Wilhelm Imkamp war schon viel vorbereitet worden. 2019 wollen wir mit der Turmrenovierung beginnen, dann soll 2020 die übrige Außenrenovierung und 2021 die Innenrenovierung stattfinden. Die Kosten gehen auf drei Millionen Euro zu. Es wird eine große Herausforderung für uns. Wir müssen jetzt baldmöglichst zu entsprechenden finanziellen Rücklagen durch Spenden, Hilfen der Diö­zese und durch Sparsamkeit kommen.

Wird Ihre frühere Tätigkeit als Seelsorger für die Menschen in allen Facetten auch das Wirken als Wallfahrtsdirektor in stilistischer Hinsicht prägen? Wollen Sie neue Pilgerkreise ansprechen?
Ganz bestimmt! Ich merk’ jetzt erst, wie sehr mich das Leben als Pfarrer geprägt hat. Die Seelsorge für Kinder und Jugendliche war mir beispielsweise immer sehr wichtig. Ich bin auch schon angesprochen worden, dass ich hier auch in dieser Richtung tätig werden solle. Das braucht Zeit! Es bringt gar nichts, kurzfristige Events und Wirbel zu machen.
Sehr gute Erfahrungen habe ich auch mit religiös geprägten Gruppenreisen gemacht. Da schwebt mir auch schon was vor. Die Neuevangelisation wird uns sehr beschäftigen. Damit können wir die Pfarrer in der Umgebung unterstützen.

Wie stark hat die Gottesmutter bisher Ihren Glauben geprägt, und was davon möchten Sie den Menschen besonders weitergeben?
In meiner Heimatkirche Kleinweiler steht wie in Maria Vesperbild über dem Hochaltar ein ergreifendes Vesperbild. Maria trauert in meiner Heimat allerdings nicht mehr. Ihr Antlitz ist schon von österlicher Hoffnung erfüllt. Mich hat diese Pietà von klein auf fasziniert und schon als Jugendlicher habe ich ein Foto von ihr machen lassen. Schließlich wurde diese Darstellung zum Motiv für mein Primizbildchen. Darunter steht ein Mariengebet von der heiligen Mutter Teresa.
Richtig verstanden habe ich schließlich die Marienverehrung erst, als ich als Student das „Goldene Buch“ des heiligen Ludwig Maria von Grignon gelesen habe. Mir wurde klar: Nicht die katholische Kirche hat Maria hochstilisiert, sondern Gott selbst hat Maria groß herausgestellt. Er hat sie auserwählt und wollte durch sie zu uns kommen. Er hat sie sozusagen zu einer Brücke in den Himmel gemacht. Damit hat er nicht nur ihr, sondern der ganzen Menschheit eine große Ehre erwiesen. Denn durch uns Menschen und zuallererst durch Maria will er bis heute zu uns uns kommen und sein Heil wirken.
Gott hat die Berufung Mariens nie zurückgenommen. Darum habe ich mich als Student der Muttergottes geweiht und diese Weihe schon oft erneuert. Weihe an Maria heißt: Maria bewusst als Mutter annehmen. Durch die Taufe sind wir Söhne und Töchter Gottes geworden und damit wie der eigentliche Sohn Gottes auch Kinder Mariens. An jedem Herz-Jesu-Freitag haben wir uns in meiner alten Pfarrei am Schluss der Anbetung Jesu im Allerheiligsten Altarsakrament der Muttergottes geschenkt, dass sie uns mütterlich zu Jesus führen möge.
Ich möchte allen Gläubigen vermitteln, dass Marienverehrung nicht bloß ein frommes Anhängsel ist, sondern ganz wesentlich zur christlichen Glaubenspraxis gehört.

In der Vergangenheit sahen manche Ortspriester in Maria Vesperbild eine Konkurrenz, die Ihnen am Sonntag die Kirchgänger wegnimmt. Können Sie das verstehen, und wie wollen Sie die Bedenken ausräumen?
Das kann ich gut verstehen! Maria Vesperbild darf keine Ersatzpfarrei werden, sondern soll eine Ergänzung für das sein, was die Gläubigen in ihren Pfarreien so nicht vorfinden. Erst vor kurzem habe ich wieder versucht, Eltern zu erklären, dass sie doch ihr Kind in ihrer Pfarrkirche taufen lassen sollen, so wie es das Kirchenrecht aus gutem Grund vorsieht.
Hochzeiten sind in Wallfahrtskirchen allerdings normal und Brautpaare sind herzlich willkommen. Aber ich werde sehr darauf achten, dass unser Gotteshaus nicht als schöne Kulisse für eine weltliche Show missbraucht wird. Nach den neuen bischöflichen Richtlinien muss eine Eheschließung auch einigermaßen gut vorbereitet sein. Der Trauungsgottesdienst soll dementsprechend ein tiefes religiöses Ereignis sein und nicht ein Event mit den Lieblingshits aus „Antenne Bayern“, obwohl ich die sonst auch gerne höre.
Es können im Gottesdienst von mir aus ruhig moderne Lieder sein, aber es müssen geistliche Gesänge sein, das heißt, Gott muss darin eine Rolle spielen, und sie müssen zur Liturgie passen. Im Vergleich zu den Pfarreien ist es die unnachahmliche Stärke von Maria Vesperbild, dass es durch die Erfahrung von ungezählten Menschen ein außerordentlicher Gnadenort Mariens ist – und das seit Jahrhunderten. Unsere Stärken sind auch der Glanz einer schönen, würdigen Liturgie, die traditionellen Formen, die Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten, die Pflege des katholischen Brauchtums und auch das reiche Angebot von Gottesdiensten zu allen möglichen Zeiten.
Viele wollen einfach auch an einem Ort Gottesdienst feiern, wo sie ihre Ruhe haben und auch anonym bleiben können. Das alles kann jeder vernünftige Pfarrer verstehen, und es wird von daher eine gute Zusammenarbeit geben.

Ihr Vorgänger, Apostolischer Protonotar Wilhelm Imkamp, wirkte segensreich fast 30 Jahre hier. Dies führt dazu, dass viele Dinge und Abläufe „schon immer so waren“. Was wird sich ändern?
Prälat Imkamp hat die katholische Linie aufrecht erhalten. Das macht mir vieles leichter. Und ich werde auf diesem Weg bleiben.
Bei der Weihe des „Goldwassers“ habe ich gewisse Zweifel, aber im Wesentlichen wird so ziemlich alles beim Alten bleiben. Ich frage auch immer bewusst nach, wie es bisher gemacht wurde.

Hatten Sie schon die Gelegenheit, sich mit Ihrem Vorgänger auszutauschen?
Per Telefon oder SMS bin ich in Kontakt mit ihm. Ich muss ihn immer wieder einmal etwas fragen oder brauche seinen Rat.

Pfingsten stellt traditionell neben dem Hochfest Mariä Himmelfahrt einen Höhepunkt im Wallfahrtsleben dar. Welcher Ehrengast kommt, und wird es die bei Alt und Jung so beliebte Lichterprozession wieder geben?
Erst hoffte ich, dass unser Bischof Konrad Zdarsa an Mariä Himmelfahrt zu uns kommt. Weil er da aber leider nicht kann, besucht er uns nun am zweiten Höhepunkt des Pilgerjahres und feiert mit uns an Pfingsten ein Pontifikalamt – natürlich mit Lichterprozession. Sein Besuch ist uns eine große Ehre und freut mich sehr.
Für das Hochfest Mariä Himmelfahrt mit der großen Lichterprozession wollte ich unseren Weihbischof Florian Wörner gewinnen. Weil er schon einen anderen Termin zugesagt hatte, beehrt er uns nun dafür im nächsten Jahr.
Da ich trotzdem einen bedeutenden Geistlichen in puncto Neuevangelisation haben wollte, bin ich auf den äußerst bekannten Pater Karl Wallner gekommen, und der hat mir erfreulicherweise zugesagt. Er ist Rektor der Hochschule in Heiligenkreuz bei Wien und Jugendseelsorger. Der Ordensmann begeistert durch seine mitreißenden Predigten und Vorträge. Viele Menschen zieht er an. Er hat in Heiligenkreuz die bedeutendste und größte Priesterausbildungsstätte im deutschen Sprachraum aufgebaut. Das Kloster Heiligenkreuz zeichnet sich durch zahlreichen Nachwuchs aus.

Wollen Sie wie Ihr Vorgänger zukünftig hochrangige Gäste aus der Weltkirche einladen?
Natürlich! Auch diese gute Tradition will ich beibehalten.

Herr Wallfahrtsdirektor, Sie feiern Ihr erstes Osterfest an neuer Wirkungsstätte. Worauf freuen Sie sich besonders, welche liturgischen Höhepunkte erwarten die Besucher in der Heiligen Woche?
Ich freue mich natürlich auf die wunderschöne und ergreifende Liturgie am Palmsonntag und besonders am Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern. Ich freue mich aber auch ganz menschlich darauf, dass ich jetzt die Liturgie mit mehr Innerlichkeit und Ruhe feiern kann und nicht mehr gleich in die nächste Pfarrei rasen muss und nicht mehr nach zwei anstrengenden Osternächten und zwei Osterhochämtern und wenigen Stunden Schlaf völlig fertig ins Bett falle.
Das ist auch ein Plus von Maria Vesperbild, dass hier der Priester in der Regel nach dem Gottesdienst für die Gläubigen Zeit hat. Und auch das will ich unbedingt beibehalten! Auch damit nehme ich den Pfarrern manches ab. Alle unsere Besucher dürfen an diesen großen Kar- und Osterfesttagen als Höhepunkte feierlich gestaltete Gottesdienste erwarten.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern unserer SonntagsZeitung ein gesegnetes frohes Osterfest!
 

Interview: Johannes Müller

28.03.2018 - Bistum Augsburg , Wallfahrt