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Tonstudio am Küchentisch

Toningenieur Heiko Schlachter nahm Wessobrunner Gebet mit Schauspieler Siegfried Rauch auf

SEEHAUSEN (ip) – Wer das vor kurzem eröffnete Staffelseemuseums in Seehausen (vgl. SonntagsZeitung Nr. 7, S.16) besucht, der kann sich an einer Hörstation zu Gemüte führen, wie einst das Wessobrunner Gebet geklungen haben mag. Der Schauspieler Siegfried Rauch, bekannt aus Fernsehserien wie „Das Traumschiff“ oder „Der Bergdoktor“ erklärte sich bereit, das Gebet einzusprechen.

Entstanden ist das älteste christliche Gedicht in deutscher Sprache wahrscheinlich um 800 in einer Schreibstube des Staffelseeklosters auf der Insel Wörth. Der bekannte Schauspieler war von dem frühen poetischen Zeugnis so angetan, dass er sich gerne der Mühe unterzog, es mit dem Historiker Christof Paulus einzuüben. Die dunkle Stimme Rauchs gibt dem Gebet in seiner bildhaften althochdeutschen Sprache eine archaische Anmutung. 

An einem Montag im Januar war die Aufregung bei Familie Paulus groß. Sollte doch das Wessobrunner Schöpfungsgedicht von Toningenieur Heiko Schlachter aufgenommen werden. Schlachter, der auf zahlreiche prämierte Hörbuchaufnahmen zurückblicken kann, kam, inspizierte Küche, dann Wohnzimmer und erkärte, er werde beide Räume für die Aufnahme in Beschlag nehmen. Die Küche werde seine Kommandozentrale, in der Stube solle Sprecher Siegfried Rauch bei vollkommener Ruhe den neunzeiligen Schöpfungsbericht sprechen. Nun begann Schlachter mit den männlichen Mitgliedern der Familie Paulus im Schlepptau, die notwendigen Gerätschaften ins Haus zu tragen.

Auf dem Küchentisch fand der Laptop seinen Platz, ausgestattet mit einem speziellen Aufnahmeprogramm, daneben Kondensator und Vorverstärker, dazwischen schlängelten sich die Kabel zur Stromstation und weiter über den Flur ins Wohnzimmer. Auf transportable Kons­truktionen wurden dicke schwarze Schaumstoffmatten gehängt und um Siegfried Rauch gestellt – er wurde regelrecht in eine Sprecherkabine eingepackt.

Das superempfindliche Mikrofon wurde der Höhe und Entfernung nach punktgenau für den Schauspieler justiert, damit das gesprochene Wort in optimaler Qualität beim späteren Abhören zur Geltung komme. Nach diesen Vorbereitungen herrschte vollkommene Stille. Schlachter setzte sich in seine Küchen-Kommandozentrale, gab durch das Fenster zur Stube den Wink zum Anfangen, und Siegfried Rauch begann ruhig und konzentriert: „Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista – Das erfuhr ich unter den Menschen als der Wunder größtes ...“ Der Toningenieur unterbrach die Aufnahme, wenn ein Geräusch die Aufnahme störte oder sich ein Versprecher eingeschlichen hatte. Zwischendurch kam er auch ins Wohnzimmer geflitzt, um das Mikrofon neu zu justieren. 

Rauch sprach mehrere Fassungen ein. So konnte man sicher sein, dass Schlachter in seinem Tonstudio aus den vielen Puzzleteilen der verschiedenen Aufnahmen die besten und eindrucksvollsten herausschneiden und zusammensetzen kann.