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Predigt in der Karfreitagsliturgie im Augsburger Dom am 15. April 2022 von Weihbischof Florian Wörner

Jesu Christi Königsherrschaft wird am Tiefpunkt seiner Ohnmacht errichtet

Hochwürdigster Herr Bischof!
Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst! Liebe Schwestern und Brüder!

„Heute kräht kein Hahn mehr danach“, sagen wir manchmal über Sachverhalte, die scheinbar nicht mehr von Interesse sind.
In dieser Woche wurde gemeldet, dass die Zahl derer, die in unserem Land zu einer der großen christlichen Konfessionen gehören, unter die 50%-Marke gesunken ist. Christen -eine Minderheit in unserem Land? Unser Glaube, die Kirche – eine Sache, nach der kein Hahn mehr kräht?

Schlimm wird es auch, wenn ein Mensch das Gefühl haben muss: „Nach mir kräht kein Hahn mehr“ - „wer bin ich, dass sich kaum jemand für mich interessiert?“ Die Frage nach der eigenen Identität und das Bedürfnis, wer zu sein, etwas zu gelten, ja, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer zu stehen, ist nicht selten Anlass zu Rivalität bis hin zu Kriegen und damit einhergehend Ursache für sehr viel Leid, wie wir es aktuell im Osten unseres Kontinents wieder erfahren.

Wer bin ich? Eine große Frage, die sich nicht nur junge Menschen in der Entwicklungsphase der Pubertät stellen. Auch wir Erwachsene werden damit immer wieder konfrontiert; so auch Petrus, fast unbemerkt in der Leidensgeschichte (Joh 18,1-19,42), die uns eben vorgetragen wurde. Dreimal gibt er eine negative Antwort auf den Versuch anderer, ihn als Anhänger, als Jünger

Jesu zu identifizieren. Er beteuert: „Ich bin es nicht“, „ich bin es nicht“ (Joh 18,17.25). Petrus verleugnet sich, und er verleugnet den Herrn. Was muss das für eine unglaubliche Drucksituation gewesen sein, dass ausgerechnet er, der selbstbewusste Sprecher des Apostelkollegiums, der kurz vorher noch im Abendmahlssaal versichert, sein Leben für Jesus hingeben zu wollen (Joh 13,37), jetzt sagen muss: „Ich bin es nicht“. Ein Drama! Das Krähen eines Hahnes deckt es auf. Man kann sich ausmalen, wie dem Petrus zumute war: Er hat den Herrn verleugnet und sich selbst. Petrus, „der Fels“, auf den Jesus seine Kirche bauen will (vgl. Mt 16,18), hat ein massives Identitätsproblem, er ist nicht in der Lage zu bekennen, wem er angehört und wer er ist. „Ich bin es nicht“, sagt er.

Das Krähen eines Hahnes deckt es auf. Gott sei Dank! Nach Petrus kräht ein Hahn. Was für ein Glück! Der, den er dreimal verleugnet hat, lässt ihn nicht fallen, er interessiert sich für ihn - nach wie vor. Er geht ihm nach. Am See von Tiberias wird der Auferstandene dreimal nach seiner Liebe zu ihm fragen und dem Fischer helfen, seine Verbundenheit mit dem Herrn und seine Identität neu und tiefer als je zuvor zu finden: Aus dem Fischer wird ein Hirte: „Weide meine Lämmer, meine Schafe“ (Joh 21,15ff), bekommt Petrus zu hören.

Zurück zur Passion! Im Unterschied zu Petrus, der mehrmals beteuerte, „ich bin es nicht“, gibt Jesus im Zusammenhang mit seiner Auslieferung klar und im vollen Bewusstsein seiner Sendung und Identität zur Antwort: „Ich bin es.“ (Joh 18,5) Diese Aussage war offensichtlich von solcher Wucht und Kraft, dass die, die ihn gewaltsam festnehmen wollten, erst einmal zurückwichen und zu Boden stürzten.

„Ich bin es“ - was steckt hinter dieser Antwort Jesu, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes umwerfend ist? Es ist der Name Gottes, der dem Mose aus dem brennenden Dornbusch geoffenbart

wurde: „Ich bin, der ich bin.“ (Ex 3,14) Dieser Name Gottes ist dem jüdischen Volk so heilig, dass man ihn nicht ausspricht. Aus Respekt davor nennt ihn auch die neue Einheitsübersetzung der Bibel nicht mehr und verwendet dafür das Wort „Herr“. Jesus Christus ist der Herr und er ist der „Ich bin“. Der Vater im Himmel ist in Jesus Mensch geworden, und er hat ihm alles übergeben, alle Vollmacht (vgl. Mt 28,18), auch seinen eigenen Namen, den er dem Mose offenbart hatte, und damit sein Wesen. Der Name Jesus bedeutet: Der Ich bin rettet. Das wird an mehreren Stellen im Evangelium deutlich. Jesus sagt z.B.: „Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin.“ (Joh 8,28) Oder an anderer Stelle: „Wenn ihr nicht glaubt, dass Ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ (Joh 8,24) In sieben Bildern stellt sich Jesus vor als der Ich bin (...die Tür zu den Schafen; ...der Weg, die Wahrheit und das Leben; ...das Licht der Welt; ...der gute Hirte; ...das Brot des Lebens; ...der wahre Weinstock; ...die Auferstehung und das Leben, vgl. Joh 10,7; 14,6; 8,12; 10,11; 6,35; 15,1; 11,17).

Und jetzt geschieht das Unbegreifliche: Der, der sagen kann: „Ego eimí“ – „Ich bin es“, wird verraten, ausgeliefert, verurteilt, gepeinigt und mit der entwürdigenden Todesstrafe der Kreuzigung umgebracht. Wie geht das zusammen? Der, in dem uns der Vater sein Gesicht gezeigt hat und der eines Wesens ist mit dem Vater, stirbt am Kreuz. Verkehrte Welt! Kein Wunder, dass Petrus und die anderen die Welt und sich selbst nicht mehr versteht und in eine tiefe Identitätskrise fallen.

„Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen“ (Lk 24,26), werden sie später aufgeklärt. Paulus wird bekennen: „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle ... ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes,

des Vaters.“ (Phil 2,8-11) Es ist schier nicht zu fassen: Aber die Königsherrschaft Jesus Christi wird aufgerichtet ausgerechnet am Tiefpunkt seiner Ohnmacht, am Kreuz. Da, wo er aus Liebe zu uns und im Gehorsam gegenüber dem Vater alles hingibt, zeigt sich, wer er ist: Jesus Christus ist der Herr. Das ist der tiefe Grund, warum wir hier zusammengekommen sind.

Was heißt das für uns? Wie stehen wir dazu?
Im zweiten Teil der Karfreitagsliturgie sind wir gefragt. Das verhüllte Kreuz wird hereingetragen, in drei Schritten enthüllt und emporgehoben mit den Worten: „Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt.“ Können wir das annehmen, dass der Gekreuzigte der Herr ist und das Heil der Welt?
Das violette Tuch, das seit dem 5. Fastensonntag das Bild des Gekreuzigten verhüllt, ist möglicherweise ein Symbol für einen ganz anderen Schleier. Der Apostel Paulus spricht von einer Hülle, die auf den Herzen liegt, so dass nicht erkannt wird, wer Jesus ist. Sobald sich aber jemand dem Herrn zuwendet, wird die Hülle entfernt (vgl. 2 Kor 3,15f).
Schauen wir also gut hin bei der Enthüllung und Erhöhung des Kreuzes! Schauen wir auf zum Gekreuzigten mit den unverhüllten Augen des Glaubens! Es ist der Herr und kein anderer. Er ist nicht bequem. Er ist nicht süßlich, er passt oft nicht in unsere Vorstellungswelt, und er ist auch nicht irgendwer. Es ist der Herr, der auch für dich und mich ans Kreuz gegangen ist aus Liebe, im Gehorsam gegenüber dem Vater, um unserer Sünden willen.
Wer vor ihm die Knie beugt, bekennt, dass Er es ist, der Herr. Und er wird nicht nur ihn, sondern auch seine Maßstäbe anerkennen, die oft ganz anders sind als die Unsrigen. Bei ihm gilt: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10). Bei ihm sind die Friedensstifter und die Sanftmütigen die Gewinner und nicht die Gewalttätigen (vgl. Mt 5,3.9). Und wer vor ihm arm ist, zählt zu den Reichen (vgl. Mt 5,3). In seinem Reich der Gerechtigkeit, der

Liebe und des Friedens gelten andere Regeln. Ihre Anwendung würde das Gesicht dieser Erde entscheidend verändern.

Manchmal denke ich mir, wie oft muss der Hahn noch krähen, damit wir aufwachen und das erkennen? Was muss noch alles passieren an Gewalt, Zerstörung und Leid? Wer sich Jesus, dem Herrn, zuwendet und seiner Spur folgt, braucht keine Angst mehr davor zu haben, dass er zu wenig Beachtung findet und kein Hahn mehr nach ihm kräht. Je mehr wir erkennen und bekennen, dass Er es ist, desto klarer wird uns auch, wer wir sind: Vom Herrn Geliebte und Erlöste. Und desto mehr werden wir dafür in Wort und Tat Zeugnis geben. Amen.