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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zur Weihe der Kirche St. Martin, Lagerlechfeld, am 4. Adventssonntag

„Der Glaube wird nicht deponiert, sondern exponiert“

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein! (…) Wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde.“ (1 Petr 2,4.6) So haben wir eben in der neutestamentlichen Lesung aus dem 1. Petrusbrief gehört. Welch‘ hoffnungsvolle Worte, die der anonyme Verfasser, der mit der Autorität des Apostels Petrus schreibt, uns heute zuspricht. Empfänger seiner Botschaft am Ende des 1. Jahrhunderts waren die Christen in Kleinasien. Damals erlebten sie sich als Minderheit in einer Gesellschaft, die ihnen ablehnend gegenüberstand. Mit seinem Brief will er den dortigen Gläubigen Mut zu sprechen, sie aufbauen: Haltet Euch an Jesus Christus! Ihr seid von Christus auserwählt, durch ihn habt ihr eine hohe Würde erhalten. Deswegen verzagt nicht, zieht euch nicht zurück, sondern baut auf Christus, den „lebendigen Stein“, das Fundament des Hauses Gottes.

Auch Sie, liebe Gläubige hier auf dem Lechfeld, haben gemerkt: Sie sind weniger geworden. Die früher volle Kirche war zu groß. Aus diesem Grund wurde ein tragfähiges Konzept, eine zukunftsfähige Lösung für den Umbau der Kirche entwickelt und zügig umgesetzt: Im Erdgeschoss die Einrichtung eines diözesanen Depots für religiöse Kunstgegenstände, im Obergeschoss die Schaffung eines verkleinerten Kirchenraumes. Die Entscheidung hat große Signalwirkung: Die Kirche bleibt vor Ort, nah bei den Menschen! Lagerlechfeld hat weiterhin sein religiöses Zentrum in einer Kommune, die politisch geteilt ist. Damit macht die Kirche ihrer Mission alle Ehre: Sie baut Brücken. Sie ist ein wichtiges verbindendes Element für die Gemeinschaft am Ort, Kirche stiftet Identität. Kirche schafft eine Mitte.

Durch die Taufe wird ein Christ, eine Christin dem Eckstein Jesus Christus zugeordnet. Als Christen leben wir ja nicht beziehungslos; wir sind kein „totes Gestein“, keine „verfallende Ruine“, auch wenn das der Kirche heute gern nachgesagt wird. Im Gegenteil: Durch Jesus Christus werden wir zu einer Gemeinschaft, zu einem lebendigen „geistigen Haus“. Dafür steht der Taufstein am Eingang des Kirchenraumes, beim Betreten der Kirche stoßen wir darauf. 

Doch was nützt das „neu aufgespannte Himmelszelt“, wenn es nicht zur Heimat, zum „Sehnsuchtsort“ für die Gläubigen und die durchreisenden Pilger wird? Daher meine Bitte an Sie: Suchen Sie diesen Raum regelmäßig zum Gottesdienst und zum Gebet auf! Mit Eintritt in den Kirchenraum sind Sie „dem Himmel“ ein Stück näher. Die Kirche ist ein „heiliger Ort“, wo Sie Ihren Glauben miteinander feiern und teilen, besonders im Hören auf das Wort und im Brechen des Brotes in der Eucharistie. Kurzum: ein „Begegnungsort“ mit Gott.

In der Taufe wurden wir mit Weihwasser übergossen und mit Chrisam gesalbt – für uns Christen Ausdruck dafür, dass wir „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft“ (1 Petr 2,9) Gottes sind. In ähnlicher Weise wird der Altar durch das Besprengen mit Weihwasser und die Salbung mit Chrisam zum Zeichen für die göttliche Gegenwart. Wie der Ambo mehr ist als ein Lesepult, so ist der Altar mehr als ein, mit Blick auf das neugestaltete „Zelt Gottes“, „klappriger Campingtisch“. Ambo und Altar, aus Stein gestaltet, repräsentieren Christus, den „auserwählten Stein“ (1 Petr 2,6), eine solide Basis, die unserem Leben Halt und Stand gibt. Wer heute in die Kirche geht, legt ein Statement ab. Lassen wir uns nicht beirren, wenn wir Christen wegen unserer Glaubenspraxis schief angeschaut oder belächelt werden!

Der Ritus der Altarweihe sieht vor, dass an fünf Stellen des Altares Weihrauch zum Zeichen für die fünf Wundmale Jesu Christi verbrannt wird. Der heilige Ritus ist ein Auftrag: Als Christen sollen wir „Feuer und Flamme“ sein für Jesus Christus. Wie er sich durch seinen Tod am Kreuz aus Liebe zu uns Menschen verzehrt hat, so haben wir als Jüngerinnen und Jünger die Mission, wie es im Petrusbrief heißt, „die großen Taten dessen zu verkünden, der uns aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (vgl. 1 Petr 2,9)

Mit diesem Anspruch sind wir nicht allein. Es helfen uns Modelle des Glaubens, „burning persons“ für Christus. Im Altar werde ich Reliquien von Heiligen bestatten. Neben Überresten ihres Kirchenpatrons, des hl. Martin, und des ugandischen Märtyrers Karl Lwanga, die bereits in der alten Martinskirche ihre Ruhestätte fanden, werden Reliquien von Clemens von Rom (um 50 – 97 bzw. 101) beigesetzt sowie des seligen Carlo Acutis, der mit 15 Jahren an Leukämie starb und ein Influencer für Jesus und das Evangelium war. Carlo Acutis ist Ihnen in der Pfarreiengemeinschaft Lechfeld durch die letztjährige Ausstellung zu den eucharistischen Wundern sicher kein Unbekannter mehr. So dürfen Sie sich eingebunden wissen in die Kirchengeschichte mit Höhen und Tiefen, von den Anfängen bis in die Moderne, mit ihren europäischen Vernetzungen bis hinein in die Weltkirche, vom Präsentischen bis ins Digitale. Denn Carlo Acutis war zuhause im Internet. Das zeigt: Katholisch heißt global weltumspannend Kirche sein. Erinnern wir uns daran, auch mit Blick auf manch derzeitige Reformbestrebung auf dem Synodalen Weg, der sich gern vom Internationalen abkoppelt und im Alleingang nationale Lösungen sucht. Es gibt keine deutsche Nationalkirche, wir sind als katholische Kirche in Deutschland eingeflochten in das weite Netz der Weltkirche. Dieser Gedanke verpflichtet. Durch die Einbettung in die Gemeinschaft der Heiligen wird deutlich: Sie machen keine schwäbische Kirchturmpolitik, sie wollen auf dem Lechfeld katholisch sein.

Blenden wir zurück: Vor knapp zwei Jahren waren wir in der alten Martinskirche beisammen für eine, wie ich es damals beschrieb, „Stunde des Abschieds und des Aufbruchs“. Nach ihrer Profanierung wurde die Kirche komplett umgebaut und heute staunen wir über die Transformation: Ich freue mich riesig über die feierliche Einweihung der weiterentwickelten Kirche. Ein Dank allen, die sich mit Engagement in dieses Projekt eingebracht haben! Das ist Kirche, wie ich sie mir wünsche: nicht reaktionär, nicht revolutionär, sondern innovativ und kreativ! Heute ist es eine „Stunde des Auftrags und der Aufgabe“, diesen Raum mit Leben zu füllen, sich in der Begegnung mit Gott stärken zu lassen und den Glauben beherzt zu bezeugen. Ich bin überzeugt: Der Glaube auf dem Lechfeld wird hier nicht deponiert, eingelagert wie die Kunstwerke im neuen Depot. Im Gegenteil: Er wird nicht deponiert, sondern exponiert: Immanuel, Gott mit uns!

19.12.2022 - Bistum Augsburg , Kirche , Predigt