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Wort des Bischofs in der Herbstvollversammlung des Diözesanrats

Synodalität ist eine „Stilfrage der Kirche“

Synodalität ist eine „Stilfrage der Kirche“
Wort des Bischofs in der Herbstvollversammlung des Diözesanrats
am 11.11.2022 im Haus Sankt Ulrich, Augsburg
(Diözesanbischof Dr. Bertram Meier)

Sehr geehrte Frau Schütz, sehr geehrte Vorstandsmitglieder,

sehr geehrte, liebe Mitglieder des Diözesanrates,

einige von Ihnen werden - wie ich - mit freudiger Überraschung aus den Medien erfahren haben, dass wir in der Vorbereitung auf die Weltsynode 2023 wieder einen Schritt weitergekommen sind: Anfang Oktober verabschiedeten die Beauftragten das erste Arbeitsdokument für die kontinentale Phase. Grundlage für diesen Text waren die 112 Synthesen, die seitens der nationalen Bischofskonferenzen eingegangen waren (von insgesamt 114).

Sie erinnern sich: Auf der diözesanen Ebene war der 8. April dieses Jahr unser Stichtag – Sie können, falls Sie es noch nicht getan haben, unsere Augsburger Stellungnahme auf der Bistumshomepage nachlesen. Im August wurde dann die nationale Zusammenfassung auf der Ebene der Bischofskonferenz veröffentlicht und nach Rom geschickt. Zu den Eingaben der Bischofskonferenzen weltweit kamen die Meldungen der katholischen Ostkirchen, der Ordenskongregationen, der kirchlichen Vereinigungen und Bewegungen, der vatikanischen Dikasterien sowie einzelne Stellungnahmen.

Das Arbeitsdokument, das unter dem Jesajawort: „Mach den Raum deines Zeltes weit!“ (Jes 54,2) steht, wird wiederum den kontinentalen Bischofsversammlungen – Naher Osten, Asien, Ozeanien, Afrika, Europa, Lateinamerika und USA/Kanada – als Grundlage für eine jeweilige Stellungnahme dienen, die sie bis März 2023 vorlegen sollen. Diese Texte bilden dann die Grundlage für das zweite Arbeitsdokument, über das die TeilnehmerInnen bei der Weltsynode im Oktober 2023 beraten werden.

Ein aufwendiges Verfahren – aber ein lohnendes!

Denn was wie ein ständiges Hin und Her aussieht, bildet genau das ab, was Synodalität meint: Hinhören und Sprechen und Hinhören und Sprechen – nur so ist gewährleistet, dass auch dem Hl. Geist Raum gegeben wird und keine Schieflage entsteht, die ja immer mit einem Machtgefälle einhergeht.

Papst Franziskus, so wage ich die Prognose, wird als der Papst der Synodalität in die Geschichte eingehen – jedenfalls, wenn die weltweite Bischofssynode im Herbst nächsten Jahres zu einem Ereignis wird, das Maßstäbe setzt.

Schon im letzten Herbst habe ich mit Ihnen eine kleine synodale Übung gemacht. Auch diesmal möchte ich Wege aufzeigen, wie Sie als Einzelne und als Mitglieder des Diözesanrates Synodalität leben und befördern können.

1. Synodalität als anderes Wort für Kirche

Im Neuen Testament kommt ein der Synodalität verwandtes Wort nur ein einziges Mal vor, und zwar bei Lk 2, 44, der Bibelstelle zum zwölfjährigen Jesus im Tempel. Dort heißt es: „Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sich (die Eltern Jesu) auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit“ (Lk 2, 43f). Das griech. Wort Synodía wird hier mit „Pilgergruppe“ übersetzt, denn es setzt sich zusammen aus syn-: zusammen und hodos: Weg.

Synodalität ist wörtlich verstanden also die Weggefährtenschaft, das gemeinsame Unterwegssein. Papst Franziskus erinnert in seiner Ansprache zum 50jährigen Bestehen der Bischofssynoden (17. Okt. 2015) daran, dass schon beim Kirchenvater Johannes Chrysostomos (349-407) Kirche und Synode synonymisch verwendet werden. „Denn“, so führt der Hl. Vater weiter aus, „die Kirche ist nichts anderes als das ‚gemeinsame Vorangehen‘ der Herde Gottes auf den Pfaden der Geschichte zur Begegnung mit Christus, dem Herrn.“ Und: „Dann begreifen wir auch, dass in ihrem Innern niemand über die anderen ‚erhöht‘ werden kann. Im Gegenteil, in der Kirche ist es notwendig, dass jemand sich ‚erniedrigt‘, um sich unterwegs in den Dienst der Brüder und Schwestern zu stellen.1

2. Synodalität als Lebensstil: incontro – ascolto – discernimento (Begegnen – Hinhören – Unterscheiden)

Als Christ:innen in der Nachfolge Jesu – und das ist eben ein Prozess, kein bloßes Verharren und Verhaftet sein in den einmal (im besten Fall innerhalb der Familie) erworbenen Denkmustern, Gefühlen und Frömmigkeitsübungen – in der Nachfolge also sind wir beständig eingeladen, uns als Weggefährt:innen des Glaubens auszutauschen: im Familien- und Freundeskreis, unter Arbeitskollegen und in der Freizeit, auf Pfarreiebene, in Bibelkreisen, im Pfarrgemeinderat und Pastoralrat sowie auf Diözesanebene in Verbänden, Berufsgruppen und im Diözesanrat. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich zu vernetzen, dazuzulernen und anderen an meinem Glauben Anteil zu geben. Christsein lebt vom Austausch, wie die Pilgergruppe, in der sich der jugendliche Jesus frei bewegte – sogar so frei, dass den Eltern einen ganzen langen Tag nicht auffiel, dass der Halbwüchsige gar nicht mit der großen Schar aus Jerusalem herausgezogen war!

Wie der Teenager nicht mehr am Rockzipfel seiner Mutter hängt, so sollten auch wir als erwachsene Christen uns auf Begegnung einlassen: mit Menschen anderer Prägung, einem anderen Verstehenshorizont, aus anderen Kulturen und Religionen, um uns selbst zu reflektieren, unseren Standpunkt zu festigen – mit einem Wort: um zu lernen! Synodalität ist also Aristokratie noch Demokratie, sondern Lerngemeinschaft.

„Begegnen, Zuhören, Unterscheiden“ sind die zentralen Schritte zu einem guten Miteinander, nicht nur in der Kirche, sondern überall da, wo Menschen gemeinsam unterwegs sind. Denn sie setzen unwillkürlich einen Wandlungs-, ja einen Reifungsprozess in Gang: „Wenn wir in den Dialog eintreten, stellen wir uns selbst in Frage, wir machen uns auf den Weg, und am Ende sind wir nicht mehr dieselben wie vorher, wir haben uns verändert“ (Papst Franziskus, Predigt vom 10. Oktober 2021).

Daher hat Synodalität als Methode selbstverständlich mit Veränderung zu tun, und wer dies abstreitet und behauptet, die Kirche müsse ewig die gleiche bleiben, befindet sich auch theologisch auf Abwegen: Denn alles hier auf Erden ist der Vergänglichkeit unterworfen, Gott bleibt derselbe und: Die Kirche ist nicht Gott2 – ER bewahre uns davor, sie zu vergötzen!

Daher ist es bezeichnend, dass es, wie der Jesuit Andreas Batlogg einmal feststellte, gerade der „promovierte Kirchenhistoriker und ehemalige Vatikandiplomat Angelo Roncalli“3 war, der das II. Vaticanum ins Leben rief. Er setzte alles daran, um damit dem durch das Unfehlbarkeitsdogma einsam gewordenen Entscheider auf dem Stuhl Petri mit den Bischöfen aus aller Welt wieder ein dialogisches Gegenüber zu geben!

Sein Nachfolger Paul IV. schuf die entsprechenden institutionellen Rahmenbedingungen für die Einrichtung einer Bischofssynode - und jetzt, mehr als 55 Jahre später, dürfen wir, so bin ich überzeugt, wieder von einem geistgewirkten Impuls ausgehen, wenn Papst Franziskus sagt: „Man muss gemeinsam gehen: Volk, Bischöfe, Papst. Synodalität muss auf verschiedenen Ebenen gelebt werden. Vielleicht ist es Zeit, die Methode der Synode zu verändern, denn die derzeitige scheint mir statisch.“4

3. Synodalität ist also nichts Neues, sondern muss nur neu entdeckt werden

„Die Kirche sei zwar schon in ihren Anfängen synodal verfasst gewesen, habe diese Art, gemeinsam Kirche zu sein, aber verloren, so Franziskus erst vor einigen Monaten in einer Videoansprache für die Päpstliche Lateinamerika-Kommission (Mai 2022). „Bei diesem Neu-Lernen der Synodalität braucht es aus (seiner) Sicht ein ‚unabgeschlossenes Denken‘. ‚Ich habe eine Allergie gegen vollständiges und geschlossenes Denken‘, bekannte der Papst. Nur bei einem offenen, unvollständigen Denken könne der Heilige Geist wirken, und zwar als Gabe, als Geschenk.“5

Woran erkennt man aber nun, dass ein Gespräch, ein Disput, ja eine Auseinandersetzung geistgewirkt ist? Sie können sich vermutlich die Antwort selber geben: an der Haltung derer, die miteinander sprechen. Der französische Soziologe Michel de Certeau SJ (1925-1986) brachte es einmal folgendermaßen auf den Punkt: Über allem muss stehen: „Weder Du hast völlig recht noch ich, denn: Deus semper maior – Gott ist immer größer.“

Von allem Anfang an war es der Umgang untereinander, der den Zeitgenossen an den ersten Christen auffiel, wie Tertullian in seinem Apologetikum schrieb: „Seht, wie sie einander lieben!“ – Hier sind nicht überströmende Emotionen gemeint, sondern vielmehr der gegenseitige Respekt, der Wunsch, das Gegenüber wirklich zu verstehen, die Welt aus seiner bzw. ihrer Perspektive zu sehen und sich um einen Konsens zu bemühen, bei dem sich jede und jeder ernstgenommen weiß.

Und schließlich 4 .Synodalität leben heißt: Subsidiär handeln

Welche Rolle hat der einfache Christ vor Ort in dem Prozess, wie kann er/sie sich einbringen bzw. was kann er/sie unternehmen? Wenn wir „Gott einen Ort sichern“ (M. Delbrêl) wollen, dann können wir das nur da, wo wir stehen, in der Reichweite, die wir überblicken, und soweit – bildlich gesprochen – unser Arm, unser Einfluss reicht. Doch das ist oft weiter, als wir auf den ersten Blick meinen!

Dies entspricht dem, was die kirchliche Soziallehre Subsidiarität nennt: ein Prinzip, das nicht nur das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Eingang gefunden hat, sondern auch die Verwaltungsvorgänge der EU bestimmt. Es hat sowohl mit Freiheit, Kreativität und persönlicher Entfaltung als auch mit Verantwortungsübernahme zu tun. Denn die Subsidiarität schützt die Selbstständigkeit einer Ebene vor der Übergriffigkeit der nächsthöheren und fördert zugleich die Kompetenz zur Unterscheidung: Was kann ich, was können wir – z.B. als Diözesanrat - allein entscheiden, umsetzen, verwirklichen und wo brauchen wir Unterstützung, Wegweisung oder auch ein Korrektiv? Vor diesem Hintergrund ist die Überzeugung des Papstes zu sehen, die er nicht müde wird, immer und immer wieder zu verkünden: „‘Die Synodalität ist die dynamische Dimension, die geschichtliche Dimension der kirchlichen Gemeinschaft, die sich auf die dreifaltige Gemeinschaft gründet‘ und die auf ‚die Bekehrung und die Reform der Kirche auf allen Ebenen‘ zielt.“

Deshalb stimmt nicht, was wir heute oft in Deutschland hören: Der Heilige Stuhl bremst nicht den „Synodalen Weg“, sondern er versucht, ihn zu kanalisieren und von der Weltkirche anreichern zu lassen. Wir werden eigentlich nur daran erinnert, was katholische Kirche bedeutet – nämlich nicht in einem einzelnen Land national unterwegs zu sein, sondern unsere Gedanken in die gesamte Weltkirche einzubringen und in der Weltsynode im Herbst 2023 diskursfähig zu machen. Und das ist gut so!

Daher möchte ich einen konkreten Vorschlag machen: Überlegen Sie, ob Sie nicht drei Themen vorrangig auf Ihre Agenda nehmen und dazu Sachausschüsse bilden:

1. Europa

Manche sagen vielleicht: Europa ist doch kein Thema mehr. Es gibt die EU, die Osterweiterung ist abgeschlossen, Europa steht. Ich halte dagegen: Europa wackelt. Nationalismen greifen um sich; der europäische „Trumpismus“ greift um sich: America first – mein Land hat Vorrang! Deshalb mein Wunsch: Bilden Sie erneut einen Sachausschuss Europa und fördern Sie persönliche Beziehungen, Partnerschaften, Freundschaften!

2. Synodalität

Für Papst Franziskus ist Synodalität kein kirchlicher Parlamentarismus, sondern die Lebensform der Kirche. Synodalität ist eine Stilfrage. Welchen Stil leben wir vor Ort – in unseren Gremien wie Pfarrgemeinderat, Pastoralrat, Kirchenverwaltung, Dekanatsrat, Diözesanrat? Synodalität bedeutet nicht, weitere Gremien zu schaffen – das ist auch eine Zeitfrage, vor allem für Ehrenamtliche, sondern die schon bestehenden Gremien synodal zu bespielen. Momentan geht es auch nicht darum, „Frankfurter Beschlüsse“ umzusetzen, sondern sich nach Corona gemeinsam auf den Weg zu machen, um Türen für das Evangelium zu öffnen.

3. Evangelisierung und Berufung (missionarische Seelsorge)

Die Kirche steht und fällt mit der Evangelisierung. Papst Franziskus schreibt es uns ins Stammbuch: „Kraft der empfangenen Taufe ist jedes Mitglied des Gottesvolkes ein missionarischer Jünger geworden. Jeder Getaufte ist, unabhängig von seiner Funktion in der Kirche und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung. (…) Die neue Evangelisierung muss ein neues Verständnis der tragenden Rolle eines jeden Getauften einschließen.“ (Evangelii gaudium Nr. 120)

[Zur Ergänzung:

Der venezolanische Laientheologe Rafael Luciani ist zuversichtlich, dass die Weltsynode ein Erfolg wird. Die Vorbereitung auf das große Treffen im kommenden Jahr gehe voran und das Synodensekretariat habe auf verschiedenen Ebenen „professionelle“ Hilfe vorbereitet. Luciani hat kürzlich ein Buch über Synodalität aus lateinamerikanischer Sicht auf Deutsch herausgegeben: Unterwegs zu einer synodalen Kirche. Impulse aus Lateinamerika. Er sagt:„Franziskus wünscht sich eine Synodalität, wie sie im zweiten Kapitel von Lumen Gentium beschrieben wird und zwar als ein Verständnis der Kirche als Volk Gottes, weshalb mein Buch eine theologische Lesart der Synodalität mit den Implikationen dieser neuen Art, Kirche zu sein, vorschlägt, und dann gebe ich ein praktisches Beispiel der Kirche in Lateinamerika, die schon lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen Weg der Zusammenarbeit mit einer organischen Pastoral eingeschlagen hat. Dies hat sich in den vergangenen Jahren bei den lateinamerikanischen Kirchenversammlungen gezeigt, die ein Modell der Begegnung zwischen allen Ortskirchen darstellt, bei dem die Bischöfe jedoch nur 20 Prozent der Teilnehmer ausmachen, so dass Laien, Ordenspriester und auch soziale Bewegungen in einer Art und Weise an der Unterscheidung teilnehmen konnten, die nicht nur bischöflich ist.“ (Vatikan/Venezuela: Unterwegs zu einer synodalen Kirche - Vatican News, aufgerufen 05.10.2022)]

1 Zit. n. https://www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/october/documents/papa-francesco_20151017_50-anniversario-sinodo.html, S.4

2 Vgl. Diözesanadministrator Dr. Bertram Meier, Geistliches Wort zur Fastenzeit 2020: Die Kirche ist nicht Gott!

3 Andreas Batlogg SJ, Synodale Kirche. Editorial. In: Stimmen der Zeit 141 (2016), 73-74, S. 73.

4 Vgl. Papst Franziskus im Interview mit Antonio Spadaro SJ im August 2013.

5 Papst Franziskus: „Synodalität neu lernen“ - Vatican News (Artikel von Gudrun Sailer, aufgerufen 05.10.2022)

14.11.2022 - Bischöfe , Synodaler Weg