500 Jahre in die Zukunft denken (Samstag, 11. Januar 2020 09:11:00) / Im Blickpunkt / Neue Bildpost

Abtei Münsterschwarzach entfernt sich von fossilen Brennstoffen

500 Jahre in die Zukunft denken

Die ganze Welt redet vom Klimaschutz, von den Gefahren des CO2-Anstiegs und von Maßnahmen, auf erneuerbare Energie umzusteigen. Die Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg belässt es nicht beim Nachdenken. Durch verschiedene Maßnahmen haben die Mönche eine erfreuliche Energiebilanz erreicht.

Am Anfang des komplizierten Projekts stand eine einfache Frage: „Wie gehen wir so mit unserer Umwelt um, dass auch in 500 Jahren noch Benediktiner hier in Münsterschwarzach leben können?“ Diese Frage, erzählt Pater Christoph Gerhard, führte schnell zu einer ersten Erkenntnis: „Erdöl ist endlich. Und wir Benediktiner können ja unseren Brüdern der Zukunft nicht einfach das Erdöl klauen, indem wir es verbrennen.“ 

Also starteten die Benediktiner im Jahr 2001 ihr Ökoprojekt. Sie wollten ihr Kloster auf erneuerbare Energien umstellen. In zehn Jahren wollten sie energetisch autark sein und eine ausgeglichene CO2-Bilanz haben. Der damalige Abt Fidelis Ruppert holte seinen alten Schulfreund, den Öko-Pionier Franz Alt, für einen Vortrag ins Kloster, um für das Vorhaben zu werben. Alt, erinnert sich Pater Christoph, schaffte es, viele Brüder zu begeistern. Der Konvent stellte sich mit einem Grundsatzbeschluss hinter das Projekt. 

Kritik der Mitbrüder half

Wer mit dem Wirtschaftschef des Klosters über das Ökoprojekt spricht, der lernt, was eine Energiewende braucht, um erfolgreich zu sein: einen Plan, den Willen zum Durchhalten – und die Kunst, Kritiker einzubinden. Heute gilt der Umbau der Abtei als Vorzeigemodell. Alle Ziele sind längst übertroffen, die Benediktiner haben seit Jahren sogar eine negative CO2-Bilanz: Sie produzieren mehr Energie, als sie verbrauchen. „Diese Bilanz bedeutet uns viel“, sagt Pater Christoph. 

Auf dem Weg dahin aber mussten er und seine Mitstreiter viele Widerstände überwinden. Es habe, berichtet er, eine Gruppe von Brüdern gegeben, die grundsätzlich gegen das Projekt waren. Sie stellten Fragen und wiesen auf Schwächen in der Planung hin. „Ich bin dieser Frak-tion dankbar“, sagt Pater Christoph. „Weil sie uns immer lebendig gehalten hat.“ Er gibt zu: „Das war nicht immer angenehm.“ Aber er betont auch: „Es hat uns sehr weitergebracht, uns mit ihren Argumenten zu beschäftigen.“ 

So wollten die Kritiker wissen: Wenn wir künftig mit Holz heizen, wird dadurch dann nicht der Steigerwald zu arg abgeholzt? Pater Christoph hat diesen Einwand geprüft und herausgefunden: Es gibt kein Problem. Im Steigerwald, rund um die Abtei, bleibt immer noch genug Holz liegen. Das Kloster verbraucht nur einen winzigen Teil. 

Energieproduzent neuester Art

Im Lauf der Jahre verwandelten die rund 80 Mönche, die in Münsterschwarzach leben, ihr Kloster immer weiter – von einem Energieverbraucher alter Schule zu einem Energieproduzenten neuester Art. Sie bauten sich mehrere Photovoltaik-Anlagen auf die Dächer der Klostergebäude, modernisierten ihr Wasserkraftwerk und bauten eine Biogasanlage, die Strom und Wärme liefert. Die Holz-energiezentrale läuft mit Hackschnitzeln und erzeugt den größten Teil der Heizenergie. 

Jedes einzelne Projekt war für Pater Christoph spannend – denn jedes Mal musste der Konvent darüber zu einem Zeitpunkt abstimmen, als noch offen war, ob die Abtei die beantragten Fördermittel der öffentlichen Hand bekommen würde. Der Wirtschaftschef sagt, er rechne es seinen Brüdern hoch an, dass sie trotz dieser Unsicherheit am Ende immer für die Neuerungen votiert haben. 

Rund 3,5 Millionen Euro habe die Abtei insgesamt in das Ökoprojekt investiert; die Summe stamme vom Vermögen und von den Einnahmen der Abtei – und von dem Geld, das sie durch den Umstieg auf erneuerbare Energien gespart hat. Die Investitionen rechnen sich. Die Holzenergiezentrale und die Biogasanlage seien bereits komplett refinanziert, berichtet Pater Christoph, und sparten pro Jahr mehr als 150 000 Euro an Heizkosten. 

Ziel: "Weg vom Öl, komplett.“

Die Biogasanlage produziert doppelt so viel Strom, wie die Abtei verbraucht. Den Rest speist sie ins öffentliche Netz ein. Der Wirtschaftschef sagt: „Wir können stolz sein auf das, was uns da gelungen ist.“ Aber er weiß auch, dass er mit seinem Projekt noch nicht am Ziel ist. „Mein Ziel wäre: weg vom Öl, komplett.“ 

Der Fuhrpark der Abtei jedoch läuft noch zu 95 Prozent mit fossilen Brennstoffen, mit Diesel und Benzin. Noch sieht Pater Christoph dazu keine überzeugende Alternative. Die Benediktiner testen jetzt mal ein Elektroauto, natürlich mit Strom aus erneuerbaren Energien. 

Viele kleine Schritte

Auch die Dampfkessel und Backöfen in der Küche werden noch mit Öl betrieben. Pater Christoph überlegt, ob sie in Zukunft Biogas nehmen sollen. Zudem reicht an sehr kalten Tagen die Wärme aus der Holzenergiezentrale nicht aus. Aber sie haben ihre Gebäude immer besser gedämmt. Dadurch schrumpft das Problem. „Wir versuchen, in vielen kleinen Schritten immer weiter voranzukommen“, sagt Pater Christoph. Er hat festgestellt: „Ökologisch sauber zu werden ist ein zähes Geschäft. Da muss man dranbleiben. Das ist immer wieder ein Kampf.“ 

Manchmal stecken die Tücken dieses Kampfes im Detail. Als die Benediktiner in ihrer Druckerei begannen, mit Ökofarben auf Recycling-Papier zu drucken, wurde Ammoniak freigesetzt. Das war natürlich ein Problem. Also suchten sie Papiere, die kein Ammoniak freisetzen. 

„Nachhaltigkeit ist uns ja praktisch in die Wiege gelegt“

Pater Christoph und seine Mitbrüder nehmen all die Mühen aus Überzeugung auf sich. „Nachhaltigkeit ist uns ja praktisch in die Wiege gelegt“, sagt er. Denn die Mönche sind durch ihr Gelübde der Stabilitas an einen Ort und eine Gemeinschaft gebunden. Diesen Ort müssen sie erhalten. Wenn sie dadurch 500 Jahre in die Zukunft denken und in größeren Zusammenhängen als andere, dann hilft das, in der Gegenwart die richtigen Entscheidungen zu treffen. 

Der heilige Benedikt, sagt Pater Christoph Gerhard, habe einst geschrieben: „Alle Handwerksgeräte des Klosters sind genauso heilig wie die heiligen Altargefäße.“ Und ein ganz wichtiges Handwerkszeug sei heute nun mal die Energie. „Unser ganzer Lebensstil beruht auf fossiler Energie. Da machen wir massiv was falsch“, sagt der Wirtschaftschef der Abtei aus Münsterschwarzach. Er hat diesen Fehler korrigiert.

  Andreas Lesch

11.01.2020 - Deutschland , Kirchen , Klimawandel