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Ärzte ohne Grenzen

„Es geht ums blanke Überleben“

Huthi-Rebellen kämpfen gegen die Regierungsarmee, Schiiten gegen Sunniten, Saudi-Arabien gegen den Iran. Von einer friedlichen Lösung sind die Parteien im Jemen weit entfernt – und die Lage in der arabischen Welt wird immer desolater.

„Der Jemen zählt zu den großen vergessenen Konflikten“, sagt Tankred Stöbe, Vorstandsmitglied der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Gut 10 000 Opfer soll der Krieg bereits gefordert haben. 18 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Über vier Millionen Kinder und Mütter sind akut mangelernährt. Die größte Cholera-Epidemie in der Geschichte des Landes wütet – und mehr als die Hälfte der Krankenhäuser ist nicht mehr funktionstüchtig. 

Doch die Weltöffentlichkeit unter nimmt nichts. Internationale Friedensbemühungen, wie etwa für Syrien, gibt es für den Jemen nicht. „Derzeit ist eine friedliche Lösung des Konflikts nicht in Sicht“, sagt Stöbe. Das Land hat strategisch keine Bedeutung: Experten schätzen, dass die Rohölvorkommen bis 2020 aufgebraucht sind. Handelsbeziehungen zu europäischen Staaten sind kaum vorhanden. 

Spielball Jemen

Seit zweieinhalb Jahren tobt in dem arabischen Land ein Bürgerkrieg zwischen schiitischen Huthi-Rebellen aus dem Norden und der Armee der Zentralregierung, die von einer von Saudi-Arabien angeführten Allianz unterstützt wird. Die USA, Frankreich und Großbritannien helfen der Allianz logistisch. Der Konflikt gilt als Stellvertreterkrieg. Es geht um die muslimischen Ethnien der Schiiten und Sunniten und um die Vormachtstellung im arabischen Raum: Der Jemen wird zur Machtfrage zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Auch Terrororganisationen machen sich das Chaos zunutze; sie kontrollieren Landesteile und machen den Jemen zum Rückzugsort für ihre Kämpfer.

Leidtragender ist das ganze Volk. „Für die Zivilbevölkerung geht es ums blanke Überleben“, sagt Stöbe, der als Internist und Rettungsmediziner in Berlin arbeitet. Erst im August und September war er mit einem Team im Land. „Der Jemen ist im Moment absolut abhängig von externer Hilfe. Das betrifft Medikamente, medizinisches Material, aber auch Lebensmittel und Helfer“, sagt Stöbe. 

Es gibt kaum frisches Wasser, um Lebensmittel zu waschen und zu kochen. Zudem existiert kein Abwassersystem, und mit der Regenzeit der letzten Monate konnten sich die Cholera-Keime weiter ausbreiten. Die Regale in den Geschäften sind zwar mit Lebensmitteln gefüllt – nur können sich die wenigsten Jemeniter einen Einkauf leisten. „Die Preise steigen explosionsartig, und es werden kaum noch Gehälter ausgezahlt“, sagt Stöbe. 

Lehrer, Ärzte und Pflegepersonal arbeiten seit Monaten ohne Lohn und können ihre Familien kaum noch ernähren. Mehrmals hat Stöbe erlebt, dass die Menschen nicht das Geld hatten, um den Transport in ein Krankenhaus zu bezahlen. Dabei hat derjenige, der rechtzeitig in eine Klinik kommt und sich gegen Cholera behandeln lässt, gute Überlebenschancen.

Mit 1600 Mitarbeitern ist Ärzte ohne Grenzen in dem arabischen Land vertreten, für weitere 1200 staatlich angestellte Ärzte und Pfleger zahlt die Organisation die Gehälter. „Eigentlich ist das ja nicht unsere Aufgabe“, sagt Stöbe, der auch zum internationalen Vorstand von Ärzte ohne Grenzen gehört, „aber die Menschen könnten sonst nicht mehr zur Arbeit kommen.“

Einschränkung für Helfer

Seit Monaten überwacht Saudi-Arabien die Ein- und Ausreise in den Jemen. Am vergangenen Wochenende durften erstmals seit einer Verschärfung der Krise vor drei Wochen wieder Hilfsflüge die Hauptstadt Sanaa ansteuern. Sie brachten 15 Tonnen Hilfsgüter, darunter 600 000 Impfdosen für Kinder, ins Land. Auch der Hafen Hudaydah am Roten Meer soll in Kürze für humanitäre Zwecke wieder geöffnet werden. Dennoch können Helfer sich nicht frei im Land bewegen. „Wir sehen immer wieder, dass ganze Landesteile für humanitäre Hilfe abgesperrt werden“, sagt Stöbe. 

So wie die Einreise für die Helfer schwierig ist, so unmöglich ist die Ausreise für die Jemeniter: Im Norden ist die Grenze zu Saudi-Arabien dicht; um im Osten in den Oman zu gelangen, müsste eine Wüste durchquert werden. Ansonsten ist das Land vom Meer umschlossen. „Diese vollkommene Abriegelung ist eine Besonderheit, die den Konflikt im Jemen von anderen Bürgerkriegen unterscheidet“, sagt Stöbe. Umso mehr Binnenflüchtlinge sind innerhalb der Landesgrenzen unterwegs. „Millionen Jemeniten wollen in sichere Gebiete reisen und versuchen, dort zu überleben.“ 

Die kämpfenden Parteien sieht Stöbe von einer politischen Lösung weit entfernt. „Was die Zukunft des Jemens angeht, bin ich nicht sehr optimistisch. Der Jemen war schon vor Ausbruch des Krieges das ärmste Land der arabischen Welt. Und diese Lage wird von Tag zu Tag schwieriger.“

Kerstin Ostendorf

29.11.2017 - Ausland , Flüchtlinge , Gesundheit