Die etwas andere Notunterkunft (Freitag, 17. Januar 2020 08:36:00) / Im Blickpunkt / Neue Bildpost

Wärmezelt für Obdachlose

Die etwas andere Notunterkunft

Die Idee ist einfach: Statt Obdachlose in engen, muffigen Notbehausungen zusammenzupferchen, übernachten sie in Berlin seit geraumer Zeit in einem großen Zeltgewölbe. Dort finden sie Ruhe, Privatsphäre und Platz für alle. Erdacht hat die klimatisierte Winterunterkunft ein Unternehmer aus Österreich. Kurz vor seinem Tod ließ er das Zelt errichten.

32 auf 34 Meter ist die Zelthalle groß, 60 Feldbetten stehen darin. Männer- und Frauenbereiche sind getrennt, draußen befinden sich Dusch- und Toilettencontainer. Es wird Essen und Tee ausgegeben, Streit geschlichtet und Krätze behandelt – wie in jeder Notunterkunft, wo es in den kalten Monaten wegen des Andrangs oft heiß hergeht. 

„Wir zwingen niemanden, hier zu übernachten“, sagt Ludwig Grünert, der zum Team der ehrenamtlichen Helfer der Berliner Stadtmission gehört. Jeder Wohnungslose entscheide selbst, wo und wie er die Nacht verbringen möchte. Die Feldbetten stehen auf einer wasserdichten Plane über dem nacktem Pflaster. 

Ein permanent surrendes Gebläse verteilt die Heizluft gleichmäßig im ganzen Raum. Der Strom stammt aus Aggregaten, geheizt wird mit Flüssiggas. Umweltverträglich sei dies, sagt Barbara Breuer, Pressesprecherin der Stadtmission. Die Technik misst Windstärke und Außentemperatur und regelt zudem den Luftdruck und die Innentemperatur.

Aus vieler Herren Länder

An diesem Abend tut Gemeinde­referentin Sabrina Bieligk in dem Zelt Dienst. „Wir sind kürzlich nach Lichtenberg umgezogen“, sagt sie, in den Osten der Hauptstadt. Anfangs stand das Riesenzelt am Innsbrucker Platz im früheren Westteil der Stadt, wo es nachts wie ein leuchtender Riesenhügel in die Berliner Nacht strahlte. 

Von Oktober bis Ende März stehen jeden Tag ab 19 Uhr Gäste in langer Schlange vor der Tür und bitten um Einlass: Menschen aus vieler Herren Länder, meist männlich und oft aus Osteuropa. Einer von ihnen ist der Ukrainer Milosz. Seit vier Jahren lebt der 41-Jährige auf der Straße. Die Ehe mit einer Belgierin ging in die Brüche, sagt er, und in seinem erlernten Beruf als Bäcker konnte und wollte er wegen einer Allergie nicht mehr arbeiten. Für eine Weiterbildung fehlten Milosz der innere Antrieb und wohl auch die nötigen Sprachkenntnisse.

„So kam eins aufs andere“, sagt er mit traurigem Blick und in gebrochenem Deutsch. Auf die Scheidung folgten der Alkohol und der Rauswurf aus der gemeinsamen Wohnung in Dortmund. Irgendwann fand sich Milosz auf der Straße wieder, nachdem ihm sein letzter Arbeitgeber, eine Spedition, fristlos gekündigt hatte. „In Berlin gibt es Geld und eine gute Versorgung für Leute wie mich“, sagt Milosz. 

Längst hat sich herumgesprochen, dass man in deutschen Großstädten mit dem Sammeln von Pfandflaschen mehr verdienen kann als in manchen Ländern Osteuropas als Tagelöhner oder Handlanger auf dem Bau. Auch dass es in Berlin nun immer mehr kostenlose Internetzugänge gibt, mache die Stadt attraktiv, sagt Milosz, während er auf sein Mobiltelefon schaut.

Am Eingang zu dem Zelt muss jeder durch eine Drehtür und wird auf Waffen und Drogen durchsucht. Dahinter ist es angenehm warm. Die Tür und ein permanenter Überdruck sorgen dafür, dass die Wärme nicht entweicht und das knapp fünf Tonnen schwere Konstrukt stabil bleibt.

Osterglocken im Winter

Das 20 bis 25 Grad warme Zeltgewölbe hat den Umfang einer mittleren Turnhalle. Die Luftzirkulation sorgt für eine durchschnittliche Raumtemperatur von rund 18 Grad. Das lässt sich schön an den Bottichen ablesen: Hier blühen schon jetzt Osterglocken – mitten im Winter. 

Der Erfinder, ein Österreicher, hieß Martin Richard Kristek. 2017 starb er mit nur 44 Jahren an einem Herzinfarkt. „Unternehmer“ stand auf seiner Visitenkarte – und ein Spruch des US-amerikanischen Autopioniers Henry Ford: „A business that makes nothing but money is a poor business“ (etwa: ein Geschäft, bei dem es nur um Geld geht, ist ein schlechtes Geschäft).

Der praktizierende Katholik Kristek kaufte für 250 000 Euro eine Halle, damit arme Menschen ohne Wohnung in angenehmem Ambiente die Nacht verbringen können. Das kostete ihn weitere 50 000 Euro: für die Grundstücksjahresmiete und den laufenden Betrieb. 

Überzeugung: "Geld kommt und geht"

„Ich kann es mir leisten, also mache ich das“, sagte der Verstorbene gerne. „Money goes and money comes“ (Geld kommt und geht), lautete seine Überzeugung, die er häufig gegenüber ausländischen Geschäftspartnern äußerte. Diese schwärmen bis heute von der Freigebigkeit des Österreichers. Jahrelang hatte Kristek Suppe an Hamburger Bedürftige verteilt. Damit war er nicht allein. Aber eine Traglufthalle als Notunterkunft – das hat vor ihm wohl noch keiner gemacht.

Für das ungewöhnliche Projekt gibt es bis heute kaum öffentliche Finanzspritzen. Mehrere Hundert Notübernachtungsplätze zählt die Hauptstadt, gut 300 davon sind unter dem Dach der Stadtmission. In den Wintermonaten stehen täglich unzählige Menschen vor den Türen und bitten um Einlass – mit steigender Tendenz. 

Europa als Wohlstandsinsel

Dass die Bundesrepublik im jüngsten internationalen Wohlstandsindex HDI von Platz sechs auf vier aufgestiegen ist, habe einen europaweiten Sogeffekt erzeugt, sagen Fachleute. Immer mehr entwickelt sich die Mitte Europas zur Wohlstandsinsel für Ausgestoßene und Verfolgte aus aller Welt. „Wir weisen niemanden ab“, betont auch Stadtmissionssprecherin Barbara Breuer.Viele Einrichtungen ihres Arbeitgebers laborieren seit Jahren an der Kapazitätsgrenze. 

Dieser Tage zählt Berlin erstmals die Obdachlosen im Stadtgebiet. Ob das etwas an deren Lage verändert, bleibt abzuwarten. Viele sind skeptisch und froh, wenn sie sich irgendwie durchs Leben gewurschtelt bekommen. Wie in fast allen Notunterkünften müssen sie auch in Lichtenberg den Schlafplatz morgens um acht Uhr räumen und die Einrichtung verlassen. 

Ein angehender Berliner Sozial­arbeiter bringt es auf den Punkt: „Notübernachtungen müssen spartanisch sein. Sie sind immer nur ein Schritt aus der Not heraus, ohne dass Wohnungslose dort heimisch werden sollen.“ Namentlich in der Zeitung erscheinen möchte er mit seiner Aussage nicht.

Benedikt Vallendar