Ein Tag, den kein Brite vergisst (Samstag, 02. November 2019 12:40:00) / Im Blickpunkt / Neue Bildpost

Der Anschlag vom 5. November 1605

Ein Tag, den kein Brite vergisst

Remember, remember, the Fifth of November“, lernt Englands Jugend in der Schule, „Gunpowder, treason and plot. I know of no reason why Gunpowder treason should ever be forgot.“ Die deutsche Übersetzung ist nicht annähernd so lyrisch, bringt aber das Geschehen, das dem Reim zugrundeliegt, gut zum Ausdruck: „Denkt an den 5. November, an Schießpulver, Verrat und Verschwörung. Ich kenne keinen Grund, die Pulververschwörung jemals zu vergessen.“

Zahllose Freudenfeuer

Viele Jahrhunderte lang war der 5. November einer der wichtigsten englischen Feiertage. Jeder Brite wurde schief angesehen, der sich um das Gedenken an den gescheiterten Anschlag revolutionärer Katholiken auf das Parlament drückte. Beatles-Sänger John Lennon würdigte das Ereignis in einem seiner Songs („Remember“), der mit einem lauten Knall endet. Akustisch erinnert er an die zahllosen Freudenfeuer, die bis heute überall auf der Insel am Festtag stattfinden. 

Schießpulver hätte ganzen alten Westminster-Palast zerstören können

Vielerorts werden dabei noch immer lebensgroße Puppen verbrannt: Figuren aus Lumpen und Stroh, die Guy Fawkes verkörpern sollen, den Sprengstoffspezialisten unter den Verschwörern des Jahres 1604/1605. Mehrere Tonnen hochexplosiven Schießpulvers versteckte er unter dem alten Westminster-Palast, dem Sitz des Parlaments. Die Menge hätte gereicht, den Palast komplett zu zerstören, alle darin zu töten und Gebäude im Umkreis von einem Kilometer zu beschädigen. 

Alles begann mit Heinrich VIII. ...

Alles begann mit König Heinrich VIII. Wegen seiner vielen Frauen und der vom Papst verweigerten Scheidung hatte der Renaissancefürst mit der katholischen Kirche gebrochen. Seine Nachfolgerin, Elisabeth I., legte den Katholiken neue Steine in den Weg. So wurden alle Messfeiern verboten und Priestern unter Androhung der Todesstrafe die Ausübung ihrer Ämter untersagt. Zur Taufe wurden die Gläubigen ebenso wie zur Eheschließung in protestantische Kirchen gezwungen. Gottesdienstschwänzern drohten saftige Geldstrafen. „Dass unter diesen Umständen der Katholizismus überhaupt überlebt hat, ist ein Wunder“, meinen Kenner der Geschichte wie Antonia Fraser, die den „Gunpowder Plot“ in einem Buch aufgearbeitet hat.

Nach dem Tod Elisabeths I. ruhten die Hoffnungen der Katholiken auf ihrem Nachfolger Jakob I. Der aber ließ schnell erkennen, am Stil seiner Vorgänger wenig ändern zu wollen. Im März 1604 wies er alle Jesuiten und Priester aus und verdammte den Katholizismus öffentlich als Aberglauben. 

In Robert Catesby, einem engagierten Katholiken, reifte der Plan, den König samt Regierung aus dem Amt zu bomben.

36 Fässer mit Sprengstoff

Zusammen mit Guy – eigentlich Guido – Fawkes und drei Gleichgesinnten verabredete er im Mai 1604 in einem Londoner Gasthaus den Putsch. Die Attentäter bohrten einen Tunnel Richtung Parlament. In einem angemieteten Raum deponierten sie die 36 Fässer mit Sprengstoff, versteckt unter Reisig und Holzscheiten. Als Anschlagsdatum wurde der 5. November 1605 bestimmt – der Tag, an dem der König das neue Parlament eröffnen wollte.

Am 26. Oktober erhielt der katholische Lord Monteagle, William Parker, einen anonymen Brief. Er forderte ihn auf, der Parlaments-eröffnung fernzubleiben. Der verunsicherte Lord legte den Brief Robert Cecil vor, dem engsten Berater des Königs. Am 5. November inspizierte man deshalb die Parlamentskeller, entdeckte gegen Mitternacht die Fässer mit dem Sprengstoff – und einen Verdächtigen, der sich als John Johnson vorstellte. In Wahrheit war es der verhinderte Sprengmeister Guy Fawkes.

Erpresste Geständnisse

Um die Hintermänner herauszufinden, ließ ihn der König foltern. In dem erpressten Geständnis offenbarte Fawkes die Putschpläne und seine Mitwisser. Weitere Festnahmen folgten, kurze Prozesse und die Todesstrafe. Am 31. Januar 1606 starb Guy Fawkes als letzter der Verschwörer am Galgen. Schon eine gute Woche vorher hatte das Parlament ein Gesetz eingebracht, das jährlich am 5. November ein öffentliches Gedenken an den gescheiterten Anschlag vorsah. 

An dem Feiertag hatten die Glocken zu läuten und Kanonen lautstark die Macht der Protestanten zu markieren. Bis 1859 waren an dem Tag in den Kirchen feierliche Gottesdienste verpflichtend. Und noch heute durchsuchen in Erinnerung an das verhinderte Attentat jährlich historisch kostümierte Leibwachen der Queen zur Parlamentseröffnung symbolisch die Keller des britischen Oberhauses.

Überall "Bonfires"

Heute lebt das Gedenken vor allem im Brauch. Überall im Land treffen sich die Briten am Abend des 5. November zu großen Feiern, sogenannten Bonfires (Freudenfeuer). In Ottery St Mary, einem Städtchen in der Grafschaft Devon, schleppt man in Gedenken an Guy Fawkes brennende Fässer durch die Straßen. 

In Somerset, im Südwesten Englands, haben sich die Feiern zum größten Herbst-Karneval Europas entwickelt. Anfang November ziehen mehr als 100 illuminierte Lastwagen durch Bridgwater und andere Städte, auf denen Kostümierte zwischen Millionen Glühlämpchen ausgelassen tanzen. An die Bonfires erinnern nur die Kracher zum Abschluss der abendlichen Paraden: Hunderte von Böllern, die eigens zum Fest gefertigt werden.

Günter Schenk

02.11.2019 - Ausland , Historisches , Kirchen