„Ein heiliger, gesegneter Ort“ (Freitag, 21. Juni 2019 08:56:00) / Im Blickpunkt / Neue Bildpost

Wallfahrt nach Walldürn

„Ein heiliger, gesegneter Ort“

Für die einen ist es Neugier, für andere sportlicher Ehrgeiz oder die Suche nach Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Manchen treibt aber noch immer ein bestimmtes Anliegen zur Wallfahrt. So wie die junge Frau, deren Bruder seit seinem Autounfall mit dem Tod kämpft. Für ihn zu beten hat sich die Schwester deshalb vorgenommen, die sich auf den weiten Weg nach Walldürn gemacht hat. Zum Heilig-Blut-Altar, der einmal jährlich für vier Wochen zum Treffpunkt der Gläubigen wird. 

Bis zu 80 000 Pilger zählt das Städtchen im Süden des Odenwalds in diesen Tagen. Menschen aus allen Regionen, die in der Wallfahrt wie Generationen vor ihnen ein Stück Seelenheil suchen. Trost und Zuflucht, in der Regel aber nur ein bisschen Zufriedenheit. Vor allem aber Geselligkeit, weshalb die Touren nach Walldürn immer viele Freunde haben, zunehmend auch junge Leute.

Schockierter Priester

Die Ursprünge der Wallfahrt liegen im Jahr 1330: Ein Priester soll damals die Eucharistie sehr nachlässig vollzogen haben. Er stößt den konsekrierten Kelch um, Blut tritt aus dem Gefäß aus und formt auf dem Korporale, dem Altartuch, ein Bild: der Gekreuzigte mit mehreren dornenbekrönten Häuptern. Der schockierte Priester versteckt das Bild. 50 Jahre später liegt er im Sterben, doch irgendetwas hält den Mann am Leben. Erst als er das Versteck des Bildes preisgibt, stirbt er. 

1445 erkannte Papst Eugen IV. das Blutwunder an. Verbunden damit: ein mindestens dreijähriger Ablass der Sündenstrafen  für alle Gläubigen, die nach Walldürn pilgern – und dort eine Spende hinterlassen. Zu dieser Zeit hatte längst eine große Pilgerbewegung in die Kleinstadt eingesetzt. Sie hält bis heute an. Zu Fuß, mit dem Fahrrad, der Bahn, ja sogar mit dem Kleinflugzeug kommen Pilger in den beschaulichen Odenwald-Ort. In diesem Jahr steht die Wallfahrt unter dem Leitwort „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“.

Die ersten Wallfahrer kamen aus der Nachbarschaft. Menschen aus dem Odenwald und vom Main, die mit Naturalien nach Walldürn reisten. Mit Schafen und Lämmern, Korn und Eiern, die sie der Kirche spendeten. Pest und Bauernkrieg bremsten den Besucherstrom. Die Reformation brachte die Pilgerfahrten fast ganz zum Erliegen. 

Erst im 17. Jahrhundert lebte die Wallfahrt wieder auf. Orden wie die Jesuiten förderten den Pilgergedanken aufs Neue. Würzburg, Köln und Aschaffenburg organisierten lange Wanderungen in den Odenwald. Vielerorts gründeten sich Bruderschaften, die sich die Verehrung des Heiligen Bluts zu Walldürn auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Am Pfingstfest 1683 fanden sich im thüringischen Küll­stedt erstmals mehr als 100 Männer und Frauen zusammen, um nach Walldürn zu laufen. Der Fußmarsch, der als „Eichsfelder Walldürn-Wallfahrt“ bekannt ist, wird noch heute gepflegt. 

Den nächsten Dämpfer bescherte die Aufklärung den Wallfahrtsfeierlichkeiten. Überall strichen Bischöfe liebgewonnene Feiertage, teilweise wurde das Pilgern „ins Ausland“ ganz verboten. „Dergleichen Reisen“,  beschied etwa Fuldas Regierung den Wallfahrern, haben nicht nur „auf die Moralität und auf die Gesundheit den nachtheiligsten Einfluss“, sondern hielten die Menschen auch von der Arbeit ab, die so „an den Müssiggang und das Betteln gewöhnt werden“. 

Den echten Pilger aber störte das wenig, zumal Bahn und Auto schließlich die Reisezeit um Tage verkürzen sollten. Besonderen Zulauf fanden die Wallfahrten unmittelbar nach den beiden Weltkriegen, als es Zehntausende nach Walldürn zog. Frauen vor allem, die dort für ihre gefangenen oder verwundeten Männer beteten und oft nur mit Lappen an den Füßen oder ganz barfuß unterwegs waren. 

Die Menschen steuern die Wallfahrtskirche St. Georg an. Von dem ursprünglich mittelalterlichen Gotteshaus, in dem sich das Blutwunder der Überlieferung nach ereignete, ist noch ein Teil unterhalb des Nordturms erhalten. Der größte Teil der 1962 von Papst Johannes XXIII. zur „Basilica minor“ erhobenen Kirche stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert. Der Blutaltar ist nicht im Original erhalten. 

Drittgrößte Wallfahrt

„Walldürn ist neben Altötting und Kevelaer der drittgrößte Wallfahrtsort Deutschlands“, sagt Sonja Heusler-En­ders. Die Pfarrsekretärin ist verantwortlich für die Organisation der Wallfahrt. „Wir unterscheiden uns von den beiden anderen Orten dadurch, dass Walldürn ein eucharistischer Wallfahrtsort ist.“ Das „Blutwunder“ geschah während der Eucharistiefeier.

Am Dreifaltigkeitssonntag, dem Sonntag nach Pfingsten, beginnt die Pilgersaison. Dann startet Walldürn einen vierwöchigen Bet- und Sing-Marathon mit Gottesdiensten und Andachten fast rund um die Uhr. „Pilgergruppen, die zu Fuß zu uns kommen, werden von einem Pater, Diakon oder Beauftragten am Ortseingang empfangen und zur Gnadenstätte geführt“, betont Heusler-Enders.

Höhepunkt der Festwochen sind die beiden Prozessionen zu Fronleichnam und sieben Tage später, am „Großen Blutfeiertag“. Feierlich öffnen die Franziskaner, die die Wallfahrt heute betreuen, den Heilig-Blut-Schrein, geben den Blick auf das Wunderkorporale frei: ein quadratisches Leinentuch hinter Glas. Unter einem Baldachin wird es durch die Stadt getragen. Den Rest des Jahres ist es nur von hinten zu sehen, von einem kleinen Gang hinter dem Heilig-Blut-Altar aus. 

Zu Fuß oder mit dem Rad

Mit Motorrad- und Fahrradwallfahrten, Familientagen und speziel­len Wallfahrten für Erstkommunikanten spricht Walldürn gezielt neue Pilger an. Den Kern der Wallfahrer bilden aber nach wie vor Pilgergruppen aus ganz Deutschland, die sich zu Fuß nach Walldürn aufmachen.Zu einer solchen Gruppe von Fußwallfahrern gehören auch jene Frauen, welche alljährlich aus Jöhlingen aufbrechen. 

Über viele Jahre hat Elisabeth Wolf diese Fahrten aus dem badischen Ort bei Karlsruhe organisiert. „Unsere Frauen sind sehr gerne am Tag der Heiligen Rita nach Walldürn gefahren“, sagt sie. „Wenn dies nicht möglich war, dann an Tagen, an denen ein Bischof eine Messe gefeiert hat.“

Was treibt die Pilger an, die teils langen Fußmärsche auf sich zu nehmen? „Die Frauen“, sagt Elisabeth Wolf, „sind von der ganzen Atmosphäre, die die Wallfahrtswochen ausmacht, beeindruckt: den festliche Gottesdiensten, der Gastfreundschaft rund herum, den vielen Devotionaliengeschäften, dem gemeinsamen Beten mit Gläubigen aus ganz Deutschland.“

Die Jöhlinger Frauen, sagt Wolf, freuen sich darauf, einen Tag zu beten, Gottesdienst mit vielen anderen zu feiern und Geselligkeit im großen und kleinen Rahmen zu spüren. Das habe sich in all den Jahren kaum geändert. „Vielleicht wird heute eher das Augenmerk darauf gelegt, wer den Hauptgottesdienst hält: Frauengemeinschaft, Bischof oder Abt.“

Sonja Heusler-Enders hat beobachtet, dass die Pilger aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Walldürn kommen. „Private Sorgen oder Nöte gibt es auch heute noch“, sagt sie. „Oft sind es überstandene Krankheiten, die die Pilger an einer Wallfahrt teilnehmen lassen. Oder sie treten in die Fußstapfen ihrer verstorbenen Eltern.“ Für viele sei einfach der Weg die Herausforderung: Sie sehen den „sportlichen Aspekt“ des Pilgerns.

Die intensive Vorbereitung auf die Hauptwallfahrtszeit bleibt auch bei Haupt- und Ehrenamtlichen vor Ort nicht ohne Spuren. „Ich suche mir in dieser Zeit besondere Gottesdienste heraus, um wieder zur Ruhe zu kommen“, sagt Heusler-Enders. „Ich gestalte die Abschlussprozession und kann daher schon bei der Zusammenstellung ganz gut Einkehr halten, da ich die Texte und Gebete auf mich wirken lasse.“

Aus Sicht der Pilger hebt Elisabeth Wolf die Besonderheit der Fahrten hervor: „Wir haben immer erlebt, in Walldürn willkommen zu sein: in den Gottesdiensten, im Ort. Walldürn ist ein heiliger, gesegneter Ort. Das kann man an einem Wallfahrtstag spüren.“ Günter Schenk/

Sascha Zimmermann