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Wo die Lausitz katholisch ist

Rekordverdächtige Berufungen

St. Mariä Himmelfahrt in Wittichenau in der Oberlausitz ist eine lebendige Gemeinde. „Wir haben ein reiches, vielfältiges Gemeindeleben“, freut sich Pfarrer Wolfgang Křesák. 3800 Gläubige gehören der Pfarrgemeinde an. Rund 40 Prozent von ihnen sind Sorben. Gleich fünf Neupriester verzeichnet die Gemeinde seit 2017. Dazu kommen mehrere Ordensfrauen. 

„Dafür sind wir dankbar“, meint der Pfarrer und blickt auf die vergangenen Jahre zurück. Als erste Ordensfrau aus seiner Gemeinde nennt er Schwester Ina Franziska Rademacher. Bei den Franziskanerinnen von Sießen legte sie 2011 ihre Ewige Profess ab. Heute lebt sie mit acht Mitschwestern in Stuttgart. Als Lehrerin unterrichtet sie am ordenseigenen Mädchen-Gymnasium Mathematik und Biologie. 

„Ich zog erst als Jugendliche nach Wittichenau, dem Heimatort meiner Eltern. Für mich war damals der traditionell gelebte Glaube noch fremd“, erinnert sie sich. „Letztlich waren es spirituelle und existenzielle Fragen, die den Glauben in mir wachsen ließen. Dass meine Eltern in der DDR auch mögliche Nachteile wegen ihres Glaubens in Kauf nahmen, beeindruckte mich als Jugendliche. Ich war eine Gott-Suchende in dieser Welt.“ 

Auch Anish Mundackel wurde in Wittichenau fündig. 2013 feierte die Pfarrgemeinde seine Primiz. Der junge Inder war zuvor in Wittichenau längere Zeit als Praktikant tätig. Nach seiner Weihe zum Priester war er einige Zeit Kaplan in Hoyerswerda und in Cottbus. Seit 2021 ist er Pfarrer in Lübben in der Niederlausitz. Nach seiner Berufung blieb es beim Priesternachwuchs zunächst ruhig – bis 2017. In jenem Jahr wurden gleich zwei Wittichenauer zum Priester geweiht: Florian Mroß und Philipp Janek.

 „Florian Mroß studiert nach Kaplansjahren in Leipzig jetzt in Rom. Er bereitet sich auf die Promotion im Fach Kirchenrecht vor“, sagt Pfarrer Křesák. Janek ist seit 2021 Pfarrvikar in Rattelsdorf im Erzbistum Bamberg. Dort verantwortet er mit dem Pfarrer zusammen drei große Pfarrgemeinden.

„Am Pfingstsonntag 2019 feierte Peter Mroß seine Primiz bei uns in Wittichenau, einen Tag nach seiner Priesterweihe in Dresden“, erinnert Křesák an die nächste Berufung. „Er ist jetzt Kaplan in Bautzen. Zudem ist er Dekanatsjugendseelsorger.“ Fabian Retschke legte 2019 als Jesuit seine ewige Profess ab. Seit Ende 2021 lebt er in Bogotá in Kolumbien und bereitet sich dort auf die Promotion vor.

Primiz an Pfingsten

Die jüngste Berufung aus Wittichenau: Markus Winzer. Der 33-Jährige wurde im Juni in Görlitz zum Priester geweiht. Am Pfingstsonntag folgte seine Primiz in Wittichenau. Seit 1. Juli ist Markus Winzer Kaplan in Cottbus. In seiner Heimatstadt engagierte er sich frühzeitig in der Kirche, diente als Ministrant und bildete später selbst Ministranten aus. 

Er redete mit den Jugendlichen freimütig und offen über das Gebet, über die Liturgie, über die tiefere Bedeutung des Dienens am Altar. Darüber hinaus engagierte er sich in der Pfarrjugend und bei den Pfadfindern. Als Jugendsprecher im Pfarrgemeinderat war er Mittler zwischen den Generationen. Mitunter unterstützte er den damaligen Kaplan bei den Gottesdiensten. „Meine Mutter meinte scherzhaft: Du bist mehr in der Kirche als zu Hause“, erzählt Markus Winzer.

„Das Besondere in Wittichenau“, findet er, „ist die große Vielfalt und Lebendigkeit im Kirchenjahr“: von der Rorate-Messe zu Beginn des Kirchenjahrs im Advent bis hin zu Höhepunkten wie Kreuzweg-Andachten, Fastenpredigt, Osterreiten, Pfingsten und Fronleichnam und andere kirchliche Festtage. „Das macht den Glauben so greifbar und konkret.“

In Wittichenau sprudeln viele Glaubensquellen. Der sorbische katholische Verein „Bratrowstwo“ (Brüderlichkeit) ist ebenso aktiv wie die Kolpingfamilie oder der katholische Sportverein DJK Blau-Weiß Wittichenau. Die „St. Sebastiani Schützenbruderschaft“ gibt es bereits seit 1491, die Rosenkranz-Bruderschaft begeht im Oktober ihr 350-jähriges Bestehen. 

Seit 1541 ist in dem Ort der Brauch des Osterreitens belegt. Wittichenau besitzt damit die am längsten bestehende und zahlenmäßig stärkste Osterprozession in der Oberlausitz. Sorbische und deutsche Reiter verkünden gemeinsam singend und betend die Botschaft von der Auferstehung Jesu. 

Pfarrer Wolfgang Křesák studierte Philosophie und Theologie in Erfurt und bereitete sich im Pastoralseminar Neuzelle auf die Priesterweihe vor. 1982 wurde er geweiht. Nach Kaplansjahren in Weißwasser und Lübben wurde er 1987 Subregens am interdiözesanen Priesterseminar in Neuzelle. Nach dessen Auflösung 1994 berief ihn der damalige Görlitzer Bischof Bernhard Huhn zurück in den Seelsorgedienst seines Bistums. 

Zunächst war er Dompfarrer an der Jakobuskathedrale in Görlitz. 2007 wechselte er nach Wittichenau. Bereits in Görlitz hatte er Wert auf den „Priester-Donnerstag“ gelegt, den jeweils ersten Donnerstag eines Monats. Mit der Gemeinde feierte er den Gottesdienst gezielt mit dem Gebet um Priester- und Ordensberufungen – entsprechend der Weisung Jesu: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter in seinen Weinberg zu senden“ (Mt 9,38). 

„Sie brauchen das Gebet“

In Wittichenau führte Křesák am Vorabend des Priesterdonnerstags einen solchen Bittgottesdienst um geistlichen Nachwuchs ein. Křesák ist überzeugt, dass Gott der Kirche nur jene Priester und Ordensberufungen schenkt, die wir von ihm erbitten. „Junge Menschen brauchen auch unsere Begleitung und Ermutigung“, meint der Pfarrer. „Sie brauchen das Gebet und den lebendigen Glauben in der Familie. Dort, in der Familie, muss beginnen, was später in der Welt Frucht tragen soll.“ 

Offenbar ist Wittichenau damit ziemlich erfolgreich. Fünf Neupriester in fünf Jahren bei nicht einmal 4000 Gläubigen in und um Wittichenau – das muss man der Pfarrgemeinde erst einmal nachmachen. Dabei sind Berufungen durchaus kein Selbstläufer, betont Pfarrer Křesák mit Verweis auf eine Studie aus den USA: „Es braucht auch gezielte Ansprache, gezielte Orientierungshilfe von uns als Pfarrern und von anderen in der Gemeinde.“

Priesterberufung kein glatter Weg

Unterstützung hat der Pfarrer seit 2015 in Gabriš Nawka. Als sorbischer Muttersprachler verantwortet der Jugendseelsorger vor allem die sorbischen Gottesdienste. Oft seien es keine ebenen glatten Wege, die zum Priestertum führen, sagt Nawka, sondern eher lange Wege des Ringens mit sich selbst. Auch er durchlebte und durchlitt viele Selbstzweifel und geriet ins Wanken. 

Nach einem Jahr bei den Salesianern in Prag spürte er tief in sich die Berufung zum Priester. „Wenn ich diese Erfahrung nicht gemacht hätte, wäre ich wohl nicht Priester geworden“, erinnert er sich. Seine sorbischsprachige Mutter hat zeitlebens stets um Priesternachwuchs gebetet. In dem Wunsch bestärkt, Priester zu werden, wurde Nawka auch durch seine Großmutter. Das Gebet der Familie trägt heute Früchte. 

Stolz ist Nawka auf die sorbische Geschichte der Wittichenauer Pfarrgemeinde. Der Vater der sorbischen Bibelübersetzung wurde hier geboren: Der Pfarrer und Sprachwissenschaftler Georgius Augustinus Swotlik (sorbisch: Jurij Hawštyn Swětlik) übersetzte von 1688 bis 1711 die gesamte Bibel vom Lateinischen ins Obersorbische. Auch der bedeutende Barockbildhauer Mathias Wenzel Jäckel (1655 bis 1738) stammte von hier.

Berufungen fördern

„Letztendlich ist und bleibt es ein Geheimnis, warum aus Wittichenau immer wieder Ordensfrauen und Priester hervorgehen“, unterstreicht Nawka. So sieht es auch Ordensschwester Ina Franziska Rademacher. „Berufungen bleiben ein Geschenk“, meint sie. „Jedoch glaube ich, dass das Gebet und Räume, die Glaubenserfahrungen ermöglichen, Berufungen fördern können.“

Wie überall, so hat Corona auch in Wittichenau tiefe Spuren hinterlassen. Vor der Pandemie zählte man jeden Sonntag in den sieben Heiligen Messen der Gemeinde rund 1500 Gottesdienst-Besucher. Das ist immerhin fast die Hälfte der Katholiken von Wittichenau – und kein Vergleich zu anderen Gemeinden, wo nicht einmal zehn Prozent der Kirchenmitglieder am Gottesdienst teilnehmen. 

Heute sind es auch in Wittichenau weit weniger als vor der Pandemie. Auch Kirchenaustritte gebe es, hat Pfarrer Křesák beobachtet. „Die tieferen Gründe bleiben uns Pfarrern meist verborgen.“ Er gehe ihnen trotzdem nach, betont er. „Ich gebe keinen einzigen verloren.“ 

Andreas Kirschke

23.08.2022 - Deutschland , Glaube , Priester