Es begann als Provisorium

Wo das Grundgesetz entstand

Vor 75 Jahren wurde in Bonn das Grundgesetz verkündet. Den Text hatte der Parlamentarische Rat im Auftrag der drei westlichen Besatzungsmächte erarbeitet. Er wurde – mit Ausnahme des bayerischen – von den Landtagen angenommen. Eine Volksabstimmung gab es nicht. Auf diese Weise und durch Verzicht auf die Bezeichnung Verfassung wollte man den provisorischen Charakter des Grundgesetzes und der mit ihm gegründeten Bundesrepublik Deutschland unterstreichen. 

„Heute beginnt ein neuer Abschnitt in der wechselvollen Geschichte unseres Volkes: Heute wird nach der Unterzeichnung und Verkündung des Grundgesetzes die Bundesrepublik Deutschland in die Geschichte eintreten.“ Konrad Adenauer sprach diese Worte am 23. Mai 1949 in der Aula der Pädagogischen Akademie. An historischer Stätte rückt seit 2016 die Ausstellung „Unser Grundgesetz“ den Ort der Beratung, Unterzeichnung und Verkündung in den Fokus. 

„Wir gehen jetzt den Weg, den auch die 65 Parlamentarier gegangen sind“, erklärt Judith Kruse. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Haus der Geschichte in Bonn ergänzt, dass auch vier Frauen darunter waren. „Ihnen ist es zu verdanken, dass die Gleichberechtigung von Frau und Mann im Grundgesetz verankert worden ist.“ In dem Plenarsaal nahmen einst die von den Länderparlamenten in den drei westlichen Besatzungszonen gewählten Vertreter Platz. 

Vor dem Eingang ist der Besucher eingeladen, digital im Grundgesetz zu blättern. Man erfährt, wer dessen Väter und Mütter waren, und findet Dokumente, die verdeutlichen, dass die Alliierten den Prozess begleiteten. Auch Materialien, die die Lobbyarbeit etwa der Kirchen belegen, sind zu sehen. Nicht zuletzt wird die Bedeutung des Föderalismus unterstrichen, der im Grundgesetz als unabänderlich festgeschrieben ist. 

Wappen der Länder

In dem denkmalgeschützten Saal, dessen Aussehen mit der leicht geschwungenen Stuhl- und Pultanordnung weitgehend aus den 1950er Jahren stammt, tagte noch bis ins Jahr 2000 der Bundesrat. An der Rückwand wurden die Wappen der einst neuen Bundesländer ergänzt. Darunter steht das Rednerpult. Gegenüber liegt vor der großen Fensterfront und oberhalb der Sitzreihen die Pressetribüne. 

Der Saal ist heute ein belebtes Exponat der Geschichte. „Mit Schulklassen veranstalten wir hier Workshops“, informiert Judith Kruse. Aber auch als Bühne für „Jugend debattiert“ oder Konzerte werde er genutzt. Wie auch dem Gebäude fehlt dem Interieur jede Monumentalität. Das Charakteristikum der NS-­Architektur wollte man unbedingt vermeiden. Der später Bundeshaus genannte Bau wurde ab 1930 im schlicht-funktionalen Bauhaus-Stil für die Pädagogische Akademie erbaut.

Eröffnet worden war der Parlamentarische Rat am 1. September 1948 im Lichthof des Museums König. „In der Halle dieses Gebäudes standen wir unter den Länderfahnen – rings umgeben von ausgestopftem Getier aus aller Welt. Unter den Bären, Schimpansen, Gorillas und anderen Exemplaren exotischer Tierwelt kamen wir uns ein wenig verloren vor“, notierte der SPD-Politiker Carlo Schmid in seinen Erinnerungen. 

Weg durchs Bundesviertel

Auch diese Stätte liegt auf dem „Weg der Demokratie“, einem Rundgang durch das ehemalige Bonner Regierungsviertel, das seit dem Umzug der Hauptstadt nach Berlin „Bundesviertel“ genannt wird. Das 1934 eröffnete Haus beherbergt bis heute das Naturgeschichtliche Museum. Bevor Konrad Adenauer das Palais Schaumburg beziehen konnte, wohnte der Bundeskanzler im Museum. 

In den politischen Anfängen der Bundesrepublik dominierte das Provisorische – daran erinnert der Spazierweg auf Schritt und Tritt. Ein Faltblatt, das man im Haus der Geschichte erhält, lädt zu einem rund zweistündigen, mit Informationstafeln ausgestatteten Parcours, der zu den bedeutendsten Orten im Bundesviertel führt. Das 1994 eröffnete Museum, das die deutsche Geschichte nach 1945 aufbereitet, geht auf eine Forderung von Helmut Kohl zurück und dient als Ausgangspunkt des Rundgangs. 

Wer sich am Wochenende auf den Weg macht, wird durch stille Straßen spazieren. Auch das legendäre, 2020 wiedererrichtete Bundesbüdchen, wo Hans-Dietrich Genscher Gummibärchen und Joschka Fischer Asterix-Hefte gekauft haben sollen, hat am Sonntag geschlossen. Wie ausgestorben wirkt das etwas vollmundig Tulpenfeld genannte Areal. 

Wo einst die Bundespressekonferenz ihren Sitz hatte, arbeitet heute die Bundesnetzagentur. Und das einstige Abgeordneten-Hochhaus, der „Lange Eugen“, eines der wenigen seinerzeit neu errichteten Gebäude (1969), gehört zum UN-Campus, der durch hohe Zäune gesichert ist. Über zwei Dutzend Organisationen der Vereinten Natio­nen arbeiten hier. 

Auf dem UN-Areal befindet sich auch das Wasserwerk, in dessen umgebautem Pumpenhaus der Bundestag ab 1986 für sechs Jahre tagte. Danach hatte er noch bis 1999 im nebenan errichteten und wegen seiner Transparenz gelobten Neubau, den der Architekt Günter Behnisch realisierte, seinen Sitz. Im Rahmen von Führungen kann der Plenarsaal besichtigt werden. 

Das gilt auch für die Villa Hammerschmidt. Jenes ehemalige Zuhause eines Fabrikanten ist bis heute sozusagen der Zweitwohnsitz des Bundespräsidenten. Vom ersten Hausherren, Theodor Heuss, der von 1949 bis 1959 amtierte, wird berichtet, dass er, bevor er den repräsentativen Bau bezogen hat, erst einmal den „Zuckerguss“, sprich zwei Turmaufbauten, abreißen ließ. Auch für den Kanzler fand sich eine Villa aus dem 19. Jahrhundert: das Palais Schaumburg. Es wird derzeit aufwendig saniert. 

„Der verdient zehn Jahre“

Weil die repräsentativen Bauten bald zu klein waren, mussten Kanzleramt und -bungalow ergänzt werden. Letzterer gilt heute mit seiner Glas-Stahl-Architektur von Sep Ruf als einer der bedeutendsten Bauten der 1960er Jahre. Konrad Adenauer dagegen lästerte 1967: „Ich weiß nicht, welcher Architekt den gebaut hat, aber der verdient zehn Jahre.“ Nach der aktuellen Renovierung wird der Bungalow ab dem Frühjahr 2025 wieder zu besichtigen sein. 

Die Räume des früheren Kanzleramts nutzt heute das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Kritiker hielten die nüchterne, funktionale Architektur für angemessen: „Hier residiert der erste Angestellte der Bundesrepublik, der Geschäftsführer der Deutschland GmbH, in einem Bürohaus, das nichts sein will als ein Bürohaus. Kein Marmor, keine pompösen Hallen, nirgends auch nur die leiseste Erinnerung an den Bombast von Hitlers Neuer Reichskanzlei.“ 

Trotz der Tatsache, dass viele Gebäude abgerissen wurden und Neubauten wie der Posttower und ein Hotelhochhaus den Charakter des Viertels verändert haben, spürt man auf dem „Weg der Demokratie“ immer noch etwas von der Bescheidenheit, mit der sich das ehemalige Regierungsviertel entwickelt hat – eine Bescheidenheit, die für viele Beobachter demokratischen Institutionen gut zu Gesichte steht. 

Ulrich Traub

Informationen zu den 65 Orten, zu denen der „Weg der Demokratie“ führt, finden Sie im Internet: www.wegderdemokratie.de.

15.05.2024 - Grundgesetz , Historisches , Politik