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Lob und Kritik für Marx

Forderungen an Papst emeritus Benedikt XVI.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat für seine Äußerungen zum Missbrauchsgutachten Lob und Kritik erhalten. Der Limburger Bischof Georg Bätzing bezeichnete die Stellungnahme als "stark und authentisch". Marx habe sich klar zu seiner Verantwortung und zu seinen Fehlern bekannt und Veränderungen versprochen. Zugleich appellierte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz an den emeritierten Papst Benedikt XVI., sich noch einmal zu seiner Stellungnahme im Missbrauchsgutachten zu äußern, Fehler einzugestehen und um Verzeihung zu bitten. Die Stellungnahme Benedikts habe in Deutschland für viel Verwirrung und Empörung gesorgt, auch bei Bischöfen, sagte Bätzing.

Bätzing unterstützte Kardinal Marx ausdrücklich in seinen Forderungen nach grundsätzlichen Reformen. Das Münchner Missbrauchsgutachten habe noch einmal klar gemacht, dass es systemische Ursachen für den Missbrauch und den falschen Umgang mit Tätern und Opfern gebe, sagte Bätzing. "Das muss verändert werden." Wie Marx distanzierte sich der Limburger Bischof auch von konservativen Kirchenkreisen, die den Reformbefürwortern unterstellen, die Missbrauchsdebatte als Hebel für Veränderungen der Kirche zu nutzen und damit den Missbrauch zu missbrauchen.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, zeigte sich beeindruckt vom Schuldeingeständnis des Erzbischofs. Eine solche persönliche Verantwortungsübernahme wünsche er sich auch von anderen Bischöfen, sagte Rörig in Berlin.

Kritik äußerte die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp. Die Stellungnahme sei "überraschend unkonkret" sagte sie. "Es gab kein Beispiel dafür, wie nun genau die Unterstützung von Pfarrgemeinden aussieht, in denen Missbrauchstäter ihr Unwesen trieben", erklärte Stetter-Karp. "Dass der Kardinal nach eigenen Worten in einem Jahr vor die Öffentlichkeit treten möchte, um zu erklären, was sich verändert hat, finde ich spät."

Enttäuscht sei sie auch darüber, dass der Kardinal auch eine Woche nach der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens kein klares Wort zur "Causa Benedikt" finde. Marx stelle sich noch immer vor den emeritierten Papst, obwohl dieser die Unwahrheit gesagt habe.

Betroffenenvertreter Matthias Katsch erklärte, er bezweifle, dass "Bischöfe, die wie Kardinal Marx mitverantwortlich sind für das System des Missbrauchs in der Kirche, den Aufbruch und die notwendige Veränderung wirklich organisieren können". Die innerkirchliche Reformdebatte sei wichtig. Die Frage des Augenblicks müsse aber sein, wie den Betroffenen "endlich die lange versprochene Unterstützung und Hilfe" organisiert werden könne, sagte der Sprecher der Initiative Eckiger Tisch.

Der Kinderschutz-Experte Hans Zollner sagte, er erwarte noch ausführliche Erläuterungen des emeritierten Papstes. Die Erklärungen von Benedikt XVI. aus den vergangenen Tagen reichten nicht aus, sie machten vielmehr die Lage noch schlimmer, sagte der Priester und Leiter des internationalen Safeguarding-Intituts in Rom.

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte, er habe nicht den Eindruck, dass Marx "den Ernst der Lage" erkannt habe. In der Kirche müsse ab sofort radikal aus der Betroffenenperspektive heraus geschaut werden.

Der Religionsbeauftragte der SPD, Lars Castellucci, forderte eine stärkere staatliche Begleitung der Aufarbeitung. "Es ist gut, dass das Erzbistum in Person von Kardinal Marx die Verantwortung bei sich sieht und klar benennt", sagte Castellucci. Allerdings könne sich keiner selbst aufklären, "dafür gibt es unseren Rechtsstaat".

KNA

28.01.2022 - Aufarbeitung , Bischöfe , Missbrauch