KSB-Interview (Donnerstag, 14. Dezember 2017 15:18:00) / Bistum Augsburg / Neue Bildpost

In der Diözese wird Frauen und Kindern in Not über den SkF vielfach geholfen

Eine Lobby für das Leben

AUGSBURG – Dass die Abtreibungsgesetze in Deutschland vor 25 Jahren neu geregelt wurden, hatte erhebliche Folgen. Weil der Schein, der den Besuch einer Beratungsstelle nachweist, zugleich eine Abtreibung ermöglicht, stieg die katholische Kirche 1999 aus dem staatlichen System aus. Dies bedeutet nicht, dass Schwangere in Not von der Kirche keine Hilfe mehr bekommen – im Gegenteil. Wie die Hilfe seit 2001 funktioniert, erläuterten beim Redaktionsbesuch die Leiterinnen der sechs Katholischen Beratungsstellen für Schwangerschaftsfragen (KSB) im Bistum Augsburg. Stellvertretend beantworteten Eleonore Wolf, Gisela Starringer-Rehm und Eva-Maria Rottach die Fragen.

Warum kommen die Frauen überhaupt zu Ihnen, wenn sie keinen sogenannten Schein mehr kriegen?
Wolf: Es ist richtig, dass wir nur noch wenige Konfliktberatungen vor der zwölften Schwangerschaftswoche haben. Die Konfliktschwangeren, die trotzdem zu uns kommen, suchen häufig Parteilichkeit für ihr Baby, Klärungshilfe bei unerträglicher innerer Ambivalenz und Schutzraum vor zu viel Außendruck.
Starringer-Rehm: Auch schon vor dem Ausstieg aus dem staatlichen System kamen Schwangere und Familien mit kleinen Kindern vor allem mit anderen Fragen in die Beratung des Sozialdiensts katholischer Frauen (SkF). Die Themen und Konflikte sind sehr vielfältig: Frauen, Männer und Paare wenden sich an uns mit unterschiedlichsten Anliegen rund um Schwangerschaft und Geburt. Diese reichen von rechtlichen und finanziellen Fragestellungen und Nöten über Partnerschaftsprobleme, die in Zusammenhang mit den sich verändernden Lebensumständen stehen, bis hin zu Unsicherheiten und Ängsten in Bezug auf vorgeburtliche Untersuchungen.
Rottach: Zudem bleiben wir Ansprechpartnerinnen bis zum dritten Lebensjahr des Kindes. Viele Probleme tauchen dann erst auf oder verschlimmern sich. In dieser Phase bieten wir ergänzend entwicklungspsychologische Beratung und Elternkurse an, um die Mutter-Kind-Bindung zu fördern und unterstützen Eltern mit sogenannten „Schreibabys“.

Die Beratung zur Frage „Abtreibung oder nicht“ stellt nur einen sehr kleinen Teil Ihres Angebots dar. Es geht vor allem auch um die Zukunft, das Weiterleben mit dem Kind, oder?
Rottach: Diese Frage macht den Hauptteil unserer Beratungstätigkeit aus. Viele Schwangere haben grundsätzliche Fragen, wie es nach der Geburt weitergehen kann. Da gilt es, sehr sensibel hinzuhören und mit den Familien gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Häufig stehen finanzielle Fragen zunächst im Vordergrund. Viele Familien wissen nicht, wie sie die Babyerstausstattung bezahlen sollen und wie sie sich nach der Geburt mit einem vielleicht nur geringen Gehalt oder Hartz IV finanzieren. Hier beraten wir umfangreich zu Hilfen vom Jobcenter und anderen Leistungen für Familien und stellen Anträge bei Stiftungen. Wir sind froh, dass es die Landesstiftung Hilfe für Mutter und Kind und den Bischöflichen Hilfsfonds Pro Vita gibt, um Familien finanziell in dieser sensiblen Lebensphase unterstützen zu können.
Starringer-Rehm: In unsere Beratungsstellen kommen viele Alleinerziehende, welche einen hohen Unterstützungs- und psychosozialen Begleitungsbedarf haben. Viele sind rund um die Uhr ganz alleine zuständig, was zu grenzwertiger Belastung führen kann. Sie bringen zudem Fragen nach Vaterschaftsanerkennung und Sorgerecht mit. Bei Bedarf vermitteln wir die Frauen an andere soziale Dienste oder arbeiten mit diesen zusammen.
Wolf: Wir bieten außerdem Trauerbegleitung für Mütter und Väter an, die ihr Kind in der Schwangerschaft oder nach der Geburt verloren haben und beraten Paare, die einen schweren Weg bei unerfülltem Kinderwunsch gehen.
Die psychosoziale Beratung und Begleitung im Kontext von Pränataldiagnostik wird zunehmend wichtig, da die Schwangeren älter werden und die medizinischen Möglichkeiten sich in einem rasanten Tempo entwickeln. Werdende Eltern können hier vor die unmöglichsten Entscheidungen gestellt werden.

An welchen Orten im Bistum Augsburg können Hilfesuchende die Katholischen  Beratungsstellen antreffen? Muss man katholisch sein, damit man kommen darf, oder können auch Anders- oder Nicht-Gläubige bei Ihnen um Rat fragen?
Rottach: Mit unseren vier Hauptstellen in Augsburg, Landsberg, Kempten und Neu-Ulm und unseren Außenstellen in Lindau und Neuburg sind wir flächendeckend mit 17 Beraterinnen und elf Verwaltungsfachfrauen in der Diözese aktiv. Um den Schwangeren und den Familien mit kleinen Kindern nicht so lange Wege zuzumuten, halten wir an weiteren acht Standorten  regelmäßig Außensprechtage ab: in Donauwörth, Dillingen, Günzburg, Königsbrunn, Schwabmünchen, Memmingen, Kaufbeuren, Weilheim und Sonthofen. Zudem gibt es in Trägerschaft des Erzbistums München-Freising Sprechtage in Murnau und Penzberg. Am Puls der Zeit sind wir zusätzlich mit unserem Online-Beratungsangebot, das mit der Caritas durchgeführt wird.
Starringer-Rehm: Unser Beratungsangebot gilt unabhängig von Religionszugehörigkeit und Nationalität. Wir machen die Erfahrung, dass insbesondere Menschen aus anderen Kulturkreisen, denen religiöse Werte sehr wichtig sind, unsere Beratungsstellen gezielt aufsuchen.

Wie viele Frauen, vielleicht auch begleitet von ihren Freunden oder Männern, haben Sie im vergangenen Jahr beraten? Wie haben sich die Zahlen in der Vergangenheit entwickelt?
Wolf: Im Jahr 2016 haben 4261 Ratsuchende unsere Beratungsstellen aufgesucht. Diese Zahl steigt seit Jahren kontinuierlich an. Im Vergleich zu 2013 hatten wir eine Steigerung von bis zu 40 Prozent. Der Anstieg hängt mit der großen Zahl der Menschen mit Fluchthintergrund zusammen, welche sich mit einer Vielzahl von Fragen und Problemen an uns wenden. Sie haben aufgrund von Traumatisierungen im Krieg oder auf der Flucht sowie aufgrund der multiplen Anpassungsanforderungen eine erhöhte Stressbelastung zu bewältigen. Nur durch die Unterstützung der Diözese, die uns eine befristete Stellenaufstockung ermöglicht, war diese Aufgabe zu bewältigen.
Starringer-Rehm: Gerade bei Familien mit Fluchthintergrund kommen oft die Männer und häufig auch die Kinder mit in die Beratungsstelle. Aber auch bei allen anderen Familien beobachten wir, dass sich die Freunde und Männer gerne mitberaten lassen. Schließlich verändern die Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes das ganze Familiensystem, und da ist es hilfreich, wenn sich alle Familienmitglieder auf die veränderte Situation einstellen können und ihre Sorgen und Fragen gesehen werden.

Sie beraten auch Jugendliche an Schulen über das Thema Sexualität. Was unterscheidet Ihr Angebot von Bravo, Dr. Sommer und Co?
Unsere sexualpädagogische Arbeit lässt sich damit nicht vergleichen. Wir gehen von einem ganzheitlichen Verständnis von Sexualität aus. Hintergrund ist eine ethische Orientierung, die auf den Grundwerten des christlichen Menschenbildes basiert. Außerdem stellen wir uns in Schulklassen oder Jugendgruppen „live“ als Personen zur Verfügung und können direkt gefragt werden.
Wir erarbeiten gemeinsam mit den Jugendlichen, was wichtig für eine Beziehung ist. Von dort aus gelangen wir zum Thema Sexualität.
Die Wissensvermittlung zu Sexualität, Empfängnisregelung und Familienplanung ist ein wichtiger Bestandteil unserer Workshops, die Förderung der Ich-Stärke und eine Werteentwicklung sind zentrale Aspekte.

Gibt es in Ihrer Beratungsarbeit Fälle, die Ihnen so richtig zu Herzen gegangen sind – oder sogar Kinder, deren Großwerden Sie jetzt erleben dürfen?
Obwohl ich erst seit knapp einem Jahr in der KSB  arbeite, fallen mir auf Anhieb sehr viele Familien ein. Besonders erinnere ich mich an eine schwangere Alleinerziehende mit zwei älteren Kindern. Die Familie hatte in den letzten Jahren viele Schicksalsschläge zu verkraften. Anfang des Jahres hatte sich alles stabilisiert. Beide Kinder sind in Ausbildung, wohnen aber weiterhin zu Hause.
Die Mutter hat einen neuen Partner kennengelernt und wurde ungewollt schwanger. Leider kann sie der neue Partner finanziell nicht unterstützen und sie wohnen nicht zusammen. Die Schwangere bezieht aufgrund einer psychischen Erkrankung Erwerbsminderungsrente und fällt durch alle sozialen Netze. Sowohl das Jobcenter, das Wohnungsamt als auch die Landesstiftung rechnen die Lehrlingsgehälter der älteren Kinder voll an. Die Mutter war richtig verzweifelt, weil sie sich keinen Wintermantel und keine Babyerstausstattung leisten kann und das gute familiäre Verhältnis zu ihren Kindern nicht trüben möchte, indem sie diese bittet, auch den Kinderwagen und das Babybett zu bezahlen. Sie möchte sie beim Start in ein eigenes Leben unterstützen und nicht zusätzlich belasten. Hier konnten wir zur Freude aller unbürokratisch mit einem Antrag bei Pro Vita helfen.
Wolf: Ich habe in meiner langjährigen Beratungsarbeit sehr viele Kinder bei ihrem Großwerden erleben dürfen und bin immer wieder froh, wenn Mütter und Väter nach heftigen Krisen wieder „festen Boden unter ihren Füßen“ verspüren und unsere „Überbrückende Hilfe“ nicht mehr brauchen. Kürzlich war eine junge Frau bei mir, welche in ihrer ersten Schwangerschaft gerade von zu Hause rausgeflogen war und ganz viele Probleme hatte. Sie ist wieder schwanger, lebt in einer glücklichen Partnerschaft, hat eine Ausbildung absolviert, hat eine gute Beziehung zu ihrem Kind und das Einkommen der Familie ist gesichert. Sie wollte sich „nur“ zum neuen Elterngeldgesetz beraten lassen und mir von ihrem Glück berichten. Da konnte ich erleben, dass unsere umfangreiche Beratung und Hilfe sehr nachhaltig sein kann.  Interview: jm, nz

Information zu den Interviewten
Eleonore Wolf, 54 Jahre, seit 17 Jahren Leiterin und Beraterin an der KSB Neu-Ulm, seit einem Jahr Diözesanvertretung;
Gisela Starringer-Rehm, 46 Jahre, seit einem Jahr Leiterin und Beraterin an der KSB Augsburg;
Eva-Maria Rottach, 43 Jahre, seit einem Jahr Leiterin und Beraterin an der KSB Landsberg.

Der Sozialdienst katholischer Frauen

Seit seiner Gründung im Jahr 1912 steht der  Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in der Diözese Augsburg an der Seite von Frauen und Kindern in Not. Die Katholischen Beratungsstellen für Schwangerschaftsfragen sind nur ein Teil der Arbeit.
Die Hilfe des SkF kann in allen Phasen des Lebens in Anspruch  genommen  werden:  von  der  Schwangerschaft  und  der  Betreuung  von  Kindern,  Jugendlichen  und  jungen  Familien  über  Unterstützungen beim Aufbau einer gelungenen Mutter-Kind-Beziehung, bei Wohnungslosigkeit, Gewalterfahrungen, vor oder nach  einer  Inhaftierung  bis  zur  Hilfe  für  Menschen,  die  ihre  Belange nicht mehr selbst regeln können, oder der Pflege von Senioren im Afraheim in Augsburg.
Kontakt
Sozialdienst katholischer Frauen Augsburg e.V.
Schaezlerstraße 4
86150 Augsburg
Telefon: 0821/650425 10
Internet: www.skf-augsburg.de
E-Mail: info@skf-augsburg.de

Bischöflicher Hilfsfonds Pro Vita

Der Bischöfliche Hilfsfonds Pro Vita hilft Schwangeren und Familien in Notlagen schnell und unbürokratisch. Wer die Arbeit unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende für Pro Vita tun: Bischöflicher Hilfsfonds Pro Vita, Liga Bank eG Augsburg,
IBAN DE82 750 903 00 0000 193 909, BIC GENODEF1M05

14.12.2017 - Bistum Augsburg , Diakonie