„Wir leben in einem Gefängnis“ (Donnerstag, 21. Dezember 2017 08:30:00) / Im Blickpunkt / Neue Bildpost

Weihnachten in Bethlehem

„Wir leben in einem Gefängnis“

In der Weihnachtszeit blicken Milliarden Christen auf Bethlehem. Die kleine Stadt in Palästina ist jener Ort, an dem der Messias das Licht der Welt erblickte. Von hier geht alljährlich das Friedenslicht in alle Welt. Wie aber leben die Menschen am Geburtsort Jesu? Wie sieht der Alltag der Christen vor Ort aus angesichts der israelischen Besatzung und muslimischer Mehrheiten?

Bethlehems Sterngasse gleicht einem Ameisenhaufen. Jedes Haus beherbergt ein Geschäft: einen Tante-Emma-Laden, eine Wechselstube, eine Bäckerei. Nur am Freitag, dem muslimischen Feiertag, ist es ruhiger in diesem Sträßchen, das auf den Krippenplatz mündet. Der mobile Kaffee- und Teeverkäufer Sami bahnt sich seinen Weg durch das Knäuel an Menschen und Autos. Kunden im Frisörsalon von Abu Ahmed warten auf ihr Heißgetränk. 

Sami, immer gut gelaunt, versorgt im Umkreis von 100 Metern Ladenbesitzer, deren Kundschaft und Touristen mit Getränken. So ernährt er Frau und fünf Kinder. Nun hat er sich mit seinem Hängetablett zum Frisör durchgekämpft. Dieser, angesprochen auf die Lage, antwortet mit einem arabischen „Al-Hamdullilah“ – was „Gott sei Dank” heißt, sinngemäß jedoch soviel wie: „Es geht mehr schlecht als recht.“ 

Durch Nachfragen erfährt man, dass Abu Ahmed Tag für Tag, sieben Tage die Woche, von 8.30 bis 22 Uhr Haare schneidet und Bärte stutzt. Trotzdem reicht das Geld nicht für die Großfamilie, die nun das siebte Kind erwartet. Urlaub? Das ist ein Fremdwort für den Barbier, der in einem Weiler beim Herodion lebt, etwa 15 Kilometer entfernt. Wann war der letzte arbeitsfreie Tag? Der Mittvierziger denkt lange nach. Er vermag es nicht zu sagen. 

Ausschreitungen folgten

Seit dem Gaza-Krieg 2014 haben die Besucherzahlen im Heiligen Land stetig zugenommen. In diesem Jahr war der Anstieg sogar besonders stark – bis zu den Ausschreitungen, die der Entscheidung der US-Regierung folgten, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen.

An guten Tagen kamen mehr als 100 Pilgergruppen nach Bethlehem. Trotz des florierenden Tourismus herrschen in der kleinen Stadt mit ihren 30 000 Einwohnern Arbeitslosigkeit und Armut – unsichtbar für Pilger, die nur die Geburtskirche sehen wollen. Muslime und Christen sind gleichermaßen betroffen. 

Manche suchen dann Schwester Maria Grech im Franziskanischen Familienzentrum in der Milchgrottengasse auf: Familien, die beim Tante-Emma-Laden tief in der Kreide stehen oder die Kinder aus den christlichen Privatschulen nehmen müssen, weil sie die Schulgebühr nicht bezahlen können. Junge Paare kommen zu der Franziskanerin wegen Problemen in der Ehe. Hintergrund: Sie müssen in einem Haushalt mit Eltern oder Schwiegereltern leben, für eine eigene Wohnung reicht das Geld nicht. 

Die Männer können wegen nicht genehmigter Passierscheine die vergleichsweise gut bezahlten Arbeitsstellen in Israel nicht erreichen, bleiben arbeitslos oder verdingen sich für Hungerlöhne von durchschnittlich 70 Schekel (etwa 17 Euro) am Tag – bei ähnlich hohen Lebenshaltungskosten wie in Deutschland. „Seit die Mauer steht, haben die Menschen große Probleme“, verweist Schwester Maria auf den Sperrwall, der Israel von Palästina trennt. 

„Wir haben eine Tante in Jerusalem“, beginnt die Geschichte der Palästinenserin Mira. „Vor dem Mauerbau haben wir sie regelmäßig besucht, aber derzeit können wir sie nur besuchen, wenn wir einen Passierschein erhalten. Meistens geben sie nur mir einen Passierschein und meinem Mann nicht oder umgekehrt.“

Zu lesen sind Miras Worte auf einem Poster des „Mauermuseums“ nahe des Rachelsgrabs in Bethlehem. Hier gibt das christliche „Arab Educational Institute“ (etwa: Arabisches Bildungsinstitut) Muslimen und Christen die Gelegenheit, ihre Geschichte zu erzählen. „Wir leben in einem Gefängnis“, will Miras Geschichte sagen.

Das Leben ist sehr hart

Gefängnis – dass Wort hört man oft in Bethlehem. Auch Jack Giacaman benutzt es. Das Leben im „großen Gefängnis der Region Bethlehem“ sei sehr hart, sagt er. Das habe mit der Minderheitensituation der Christen zu tun, doch auch mit  der wirtschaftlichen Lage. Giacaman ist von der 2002 begonnenen israelischen Sperrmauer, die je nach Perspektive Sicherheitszaun oder Apartheidmauer heißt, direkt betroffen. 

Giacamans Familie kann ihretwegen die eigenen Olivenbäume nicht mehr erreichen: Sie liegen nun auf Jerusalemer Seite der Barriere. „In den 1990er Jahren haben wir Öl verkauft. Heute müssen wir es kaufen, da wir unsere gesamten landwirtschaftlichen Flächen verloren haben“, klagt der katholische Palästinenser, der als Olivenholzschnitzer in fünfter Generation arbeitet.

Zum Miteinander von Christen und Muslimen am Geburtsort Jesu meint er: „Historisch haben Christen und Muslime eine sehr enge Bindung. Wir besuchen dieselben Schulen, arbeiten zusammen und haben einen gemeinsamen Feind: die Besatzung.“ Doch beobachtet er einen zunehmenden Fundamentalismus unter seinen muslimischen Landsleuten. Als ursächlich sieht der Geschäftsmann die Medien an, die seiner Meinung nach eine „schmutzige Berichterstattung“ liefern. 

Gleichzeitig bemerkt der Kunsthandwerker auch, wie „fundamentalistische Juden“ christenfeindliche Graffiti an Hauswände sprühen und Kirchen in Brand stecken. Das macht seiner Familie Angst: Jacks Frau, deren drei Geschwister in den Vereinigten Staaten und Neuseeland leben, will lieber heute als morgen auswandern. 

Auch Hiyam Marzouqa-Awad, Chefärztin des Bethlehemer Caritas-Baby-Hospitals, fühlt sich in ihrer Heimat nicht mehr sicher. „Überall wird Weihnachten viel besser gefeiert als an dem Ort, wo Jesus geboren ist“, sagt sie traurig – und meint damit nicht nur die aktuell angespannte politische Lage.

Stellten Christen vor der Staatsgründung Israels mit 90 Prozent die große Mehrheit in Bethlehem, so ist hier 2017 nicht einmal mehr jeder Fünfte Christ. Vor allem seit der zweiten Intifada im Herbst 2000 sind Hunderte christlicher Familien ausgewandert. Setzt sich dieser Trend fort, wird es wohl in 20 bis 30 Jahren keine Christen mehr in Jesu Geburtsstadt geben. 

Bethlehems neuer Bürgermeister Anton Salman, selbst Christ, spricht angesichts der heilsgeschichtlichen Bedeutung von seiner Heimat als der „Welthauptstadt der Christenheit“. Als wichtigste Ursache dafür, dass die christliche Minderheit dennoch stetig abnimmt, nennt er die israelische Besatzung. Diese müsse endlich enden. Bethlehem müsse „für die ganze Welt und alle Religionen frei sein“.

Johannes Zang

21.12.2017 - Ausland , Diskriminierung , Nahost