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60 Jahre Élysee-Vertrag

Beispiel gelungener Integration

Manch ein Berlin-Besucher wird sich beim Spaziergang über den Gendarmenmarkt fragen, aus welchem Grunde vis-à-vis vom Deutschen auch ein fast identisch aussehender Französischer Dom steht. Antwort gibt es genau dort. Denn im Französischen Dom verbirgt sich ein kleines Museum. Nach umfangreicher Renovierung und Neukonzeption der Dauerausstellung empfängt es wieder historisch Interessierte. 

Das Hugenottenmuseum informiert über ein bedeutendes Kapitel Berliner und Brandenburger Geschichte, das in der ausgeprägten Erinnerungskultur der Hauptstadt nur eine Randerscheinung darstellt. Und das, obwohl das Schicksal der Hugenotten als Beispiel für gelungene Integration angesehen wird. Wer aber waren die Hugenotten und warum kamen sie gerade nach Brandenburg? 

Die Spur führt ins 17. Jahrhundert nach Frankreich – und zu gleich drei Edikten. Das Edikt von Nantes (1598), das den französischen Protestanten, den Hugenotten, die Glaubens- und Gottesdienstfreiheit garantierte, wurde 1685 durch Ludwig XIV. und sein Edikt von Fontainebleau sozusagen in sein Gegenteil gekehrt. Die Repressionen gegenüber den Hugenotten hatten da aber längst begonnen. 

Nun war die Ausübung des Protestantismus untersagt. Hugenottische Gotteshäuser, die „Temples“, wurden dem Erdboden gleichgemacht und ein jeder gezwungen, katholisch zu werden. Trotz der Tatsache, dass auch die Flucht verboten war, setzte ein Massenexodus ein. Das spielte dem brandenburgisch-preußischen Herrscher Friedrich Wilhelm, dem Großen Kurfürsten, in die Karten. 

Das Edikt von Potsdam

Sein Land lag nach dem Dreißigjährigen Krieg und weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen darnieder, hatte große Teile seiner Bevölkerung verloren und war wirtschaftlich ausgezehrt. Das Edikt von Potsdam, das sogenannte Toleranz­edikt, nur elf Tage nach dem von Fontainebleau erlassen, reagierte auf die Entwicklungen in Frankreich. Brandenburg und die Hugenotten sollten beide davon profitieren.

Es gewährte den Flüchtlingen nicht nur die Freiheit, ihren Glauben auszuüben, sondern lockte sie zudem mit jeder Menge Privilegien wie Steuererlassen, Zoll- und Zunftfreiheit. Bauern erhielten kostenlos Land zugewiesen. Das geschah nicht gerade zur Freude der mehrheitlich lutherischen Bevölkerung. Aber es gab seinerzeit vielversprechendere Fluchtziele für die umworbenen Hugenotten, etwa die Niederlande. Da blieb dem Großen Kurfürsten offenbar keine andere Wahl. 

Zwei Dome

Im Hugenottenmuseum mit seinen 150 Exponaten berichten Darstellungen von der Bartholomäusnacht von 1572, einem Pogrom an den Hugenotten, und der Zerstörung der Kirche von Charenton, dem wichtigsten Gotteshaus der Hugenotten. Eine sogenannte Haarknotenbibel, die so klein ist, dass man sie trotz Verbots problemlos im Kopfbewuchs mit sich führen konnte, und ein Reiseabendmahlkasten sind Zeugnisse der Flucht. 

Bilder und Dokumente würdigen das Edikt des Großen Kurfürsten. Sein wegweisendes Manuskript schmückt eine ganze Wand. Der Besucher erfährt, dass schon 1705 die erste Französische Kirche für die Flüchtlinge geweiht werden konnte: ein eher bescheidenes Gotteshaus. 80 Jahre später wurde es wie auch die gegenüberliegende Deutsche Kirche repräsentativ zu einem Dom vergrößert – auf Wunsch Friedrichs des Großen. Die beiden Dome heißen übrigens nur deshalb so, weil „dôme“ das französische Wort für Kuppel ist. 

Vom Kurfürsten bezahlt

Die Kirche war der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Hugenotten. Ihre Geistlichen wurden sogar eine Zeitlang aus der kurfürstlichen Kasse bezahlt. Im Zentrum des Gottesdienstes, der sich vom lutherischen Ritus unterschied, stand die Predigt. Das Abendmahl mit Brot und Wein wurde als Versammlung rund um den Abendmahlstisch eingenommen. Teilnehmen durfte nur, wer untadelig war. Die Prüfung des Lebenswandels oblag den Ältesten der Gemeinde und wurde durch eine Abendmahlsmarke bezeugt. 

Die „Refugiés“ (Flüchtlinge), wie sich die Hugenotten selbst nannten, gehörten überwiegend der unteren Mittelschicht an. Es waren aber auch Adlige und Bauern darunter. Nicht wenige blieben länger arbeitslos. Andere schufteten als Sänftenträger, wovon in der Ausstellung das Originalexemplar einer Sänfte zeugt. Das war so etwas wie eine Taxi-Lizenz heute und nur aufgrund eines kurfürstlichen Privilegs möglich. 

Handschuhmacher, Strumpfwirker oder Parfumeur

Die Hugenotten bauten erfolgreich (meist subventionierte) Manufakturen auf und etablierten neue Berufe wie den Handschuhmacher, den Strumpfwirker oder den Parfumeur. In der Textilbranche fanden die meisten Refugiés Arbeit. Darüber hinaus engagierten sie sich in der Armenfürsorge, gründeten Schulen und Krankenhäuser.

Allmählich ging es aufwärts in Brandenburg, wo sich nach dem Edikt bis zu 20 000 Hugenotten niederließen. Um 1700 war ein Fünftel der Berliner hugenottisch. Bis 1731 entstanden 48 französische Kolonien mit eigener Verwaltung und Rechtsprechung, kleine Staaten innerhalb des Staates. Weitgehend aufgelöst wurden sie erst 1809 – ebenso wie die meisten ihrer Privilegien. Die Kirchenverfassungen hatten dagegen noch länger Bestand. Französisch-reformierte Gemeinden gibt es bis heute. 

"Die besten Deutschen"

Der Aufschwung, den die Hugenotten mitbrachten, war keineswegs nur ein ökonomischer. Auch die fremde Sprache und die Lebensumstände der Refugiés bereicherten die Gesellschaft. Die Hugenotten erzogen Hohenzollernprinzen und wurden von Otto von Bismarck sogar als die „besten Deutschen“ gelobt: wohl nicht nur, weil sie 1870 als überzeugte Preußen in den Krieg gegen Frankreich zogen. 

Da verwundert es nicht, dass der Terrakottafries am Roten Rathaus, auf dem bedeutende Augenblicke der Berliner Stadtgeschichte dargestellt sind, auch die Zuwanderung aus Frankreich würdigt: Dankbar kniet das Oberhaupt einer Hugenottenfamilie vor dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Und jener hat die Tore seiner Stadt weit geöffnet. 

Ein anderes Zeugnis ist der Französische Friedhof an der Chausseestraße. Wer vor dem herrschaftlichen Grab Pierre Louis Ravenés steht, gewinnt einen Eindruck von der Stellung, die dieser Industrielle gehabt haben muss. Er war nicht der einzige. Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné und Schriftsteller Theodor Fontane sind nur zwei Beispiele für bedeutende Persönlichkeiten mit hugenottischen Wurzeln. 

Wenig Integrationsdruck

Trotz ihrer Eigenständigkeit sind die Refugiés in der Gesellschaft angekommen – und das, obwohl sich der Integrationsdruck sehr in Grenzen hielt. 100 Jahre nach dem Edikt gelangten sie auch in höhere Funktionen von Militär und Verwaltung. Gelungene Integration also? Ja – aber. Denn tatsächlich zeigt der Blick in die Geschichte, dass Höhen und Tiefen über einen langen Zeitraum die Entwicklung begleiteten. 

Neid auf die vermeintlich Privilegierten war keine Seltenheit. Auch von Brandstiftungen sowie Übergriffen auf Frauen und Kinder erfährt man. Sie sprächen kein Deutsch, wurde als Grund genannt. Am Ende setzten sich die Hugenotten mit ihren Fähigkeiten und Tugenden aber doch durch. Und wurden ein wichtiger Teil Preußens.

Am 22. Januar 1963 unterzeichneten der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer und Frankreichs Präsident Charles de Gaulle in Paris den Élysee-Vertrag. Mit ihm knüpften die ehemaligen Erzfeinde ein enges politisches Band der Freundschaft. Daran erinnert an diesem Sonntag der Deutsch-Französische Tag, der vor 20 Jahren zum ersten Mal gefeiert wurde. Er bietet auch eine gute Gelegenheit, sich des hugenottischen Erbes zu erinnern. Und daran, dass Integration gelingen kann.

Ulrich Traub 

Informationen

zum Berliner Hugenottenmuseum am Gendarmenmarkt finden Sie unter www.hugenottenmuseum-berlin.de, zur Französischen Kirche unter

www.franzoesische-kirche.de