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Exklusiv-Interview

Peter Maffay: „Der Glaube ist mein Kompass“

Der kleine Drache Tabaluga ist zur Kultfigur geworden. Verantwortlich für den generationenübergreifenden Erfolg ist Rockmusiker Peter Maffay. Im Exklusiv-Interview mit unserer Zeitung spricht der 72-jährige Sänger und Komponist, der in Rumänien geboren wurde, über seine Heimat, die Grundlagen seines musikalischen Erfolgs, den gesellschaftlichen Wandel und seine Beziehung zu Gott.

Herr Maffay, Sie kamen 1949 im Südosten Siebenbürgens zur Welt und wanderten 14 Jahre später mit Ihrer Familie nach Bayern aus. Was bedeutet für Sie der oftmals emotional besetzte Begriff „Heimat“?

Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich hätte mit Siebenbürgen abgeschlossen. Aber man wird seine Herkunft nicht los: „Transsilva­nien“ ist sehr waldreich und noch heute habe ich den Geruch von Eichen- und Buchenwäldern in der Nase. Das Licht dort hat eine ganz besondere Farbe. Mit Siebenbürgen verbindet mich eine Sentimentalität, die hoffentlich nie verloren geht. Die Landschaft, die Luft, die Aromen und die Menschen – ich wollte es lange nicht wahrhaben, aber das gehört zu meinem Leben.

Meine Heimat ist aber Tutzing am Starnberger See. Das Wasser und die Berge, das ist für mich die perfekte Symbiose aus dem Schönsten, was die Natur zu bieten hat. Ich bin froh und dankbar, dass ich hier zu Hause sein darf. In Zeiten von Globalisierung und Internationalisierung, in denen die Welt immer komplexer und komplizierter wird, sehnen wir uns alle umso mehr nach überschaubaren Lebensräumen und vertrauten Lebensbedingungen – nach Heimat.

Sind Disziplin und Bodenständigkeit die Basis Ihres erfolgreichen Daseins als Bluesrockstar?

Ich bin zwar Musiker, aber das kreative Chaos liegt mir nicht. So wurde ich nicht erzogen, so bin ich nicht aufgewachsen. Ich habe schon ganz gerne eine Struktur und einen Überblick über das, was läuft und was nicht läuft. Manche sagen, ich bin ein Kontrollfreak – mag sein. Vor allem kontrolliere ich aber auch mich selber. Ich möchte das, was ich mache, gut machen.

Wie würden Sie das Verhältnis von Musik und Sprache anhand Ihrer Lieder beschreiben?

Das eine trägt das andere. Die Melodie unterstützt den Text, und der Text macht aus der Melodie ein Lied. Viele unserer Lieder transportieren eine Botschaft, beispielsweise „Eiszeit“ aus dem Jahr 1982, wo es um atomare Aufrüstung geht, oder „Morgen“ vom Album „Jetzt!“, in dem wir die Zerstörung unserer Umwelt, Kriege, Terror und Gewalt thematisieren. 

Oder nehmen Sie den Titel „Über sieben Brücken“, den wir von der ostdeutschen Band „Karat“ gecovert haben. Der Text steckt voller Metaphern. Ich kannte ja die Umstände in Rumänien, die in gewisser Form mit den DDR-Verhältnissen vergleichbar waren. Man konnte bestimmte Dinge nicht einfach so aussprechen. Man konnte nicht sagen: Siebenmal versuche ich abzuhauen, und irgendwann schaffe ich das. Man musste das irgendwie verkleiden, so dass es verstanden wurde, aber nicht angreifbar war. Und dann, als die Mauer fiel, wurde „Über sieben Brücken“ zur Hymne für beide Seiten. 

In Ihrem Buch „Hier und Jetzt“ bekennen Sie sich zu Gott, indem Sie den Glauben als Motor Ihres Lebens bezeichnen. Ist dann das Gebet der Treibstoff?

Für mich ist Glaube Hoffnung, Inspiration und Kraft. Er ist wie eine Quelle, aus der man trinkt, wenn man durstig ist oder wie ein Licht, um aus dem Dunkel wieder herauszufinden in die Helligkeit. Er ist die Kraft, die zu Harmonie und Demut führt. Beides suche ich, um im Gleichgewicht zu bleiben. Und er hilft mir, die eigene Unzulänglichkeit zu erkennen und die Angst, die daraus resultiert, zu überwinden. Der Glaube ist mein Kompass und Gott mein Ziel.

Die Verbindung zu Gott kann auf unterschiedliche Weise aufrecht erhalten werden: durch ein Lied oder einen Gedanken, durch ein Gebet, einen Dialog oder Meditation. Ich gehe gern in Kirchen, denn sie sind ein Ort der Besinnung. Aber ein solcher Ort kann auch ein Baum sein oder ein Platz am Meer. 

Anfang der 1980er Jahre erschien mit „Lieber Gott“ eine musikalische Hommage an Gott. Wie würden Sie die musikalische Beziehung zu ihm definieren?

Es hat viele Impulse und Erfahrungen in meinem Leben gebraucht, bis ich einen Zugang zu Gott hatte. Die Musik hat dazu viel beigetragen. Das ist ja auch nicht verwunderlich. Viele Gebete sind in Musik verpackt. Die Musik spielt in der Liturgie von jeher eine große Rolle. Wenn ich Musik schreibe und reflektiere, was mich bewegt, um der Musik einen Inhalt zu geben, dann komme ich spirituellen Themen und Fragen sehr nahe. Ein Song kann eine Andacht oder ein Gebet sein.

Auf dem Album „Jetzt!“ gibt es auch einen Titel, der sich mit Gott beschäftigt. Während ich die Musik schrieb, hatte ich eine vage Vorstellung von den Zeilen des Refrains. Ich bat Johannes Oerding, einen Text zu verfassen, und sagte zu ihm: „Bitte schreib den Text als Gebet.“ Er hat sofort verstanden, was ich meine. Herausgekommen ist der Titel „Größer als wir“. Im Refrain heißt es: „Egal, wie man dich nennt, egal, woran man dich erkennt, egal, wer du auch bist, wichtig ist nur, dass es dich für mich gibt.“ 

Wäre unsere Gesellschaft offener, wenn sie verständnisvoller und toleranter wäre?

Ja, das wäre sie. Momentan befindet sie sich in einem Wandel. Mein Eindruck ist, dass die Menschen im Zuge der Corona-Pandemie überwiegend vorsichtiger und einfühlsamer miteinander umgehen. Das ist gut, denn je weniger Gräben und je mehr Einigkeit und „Wir-Gefühl“, desto besser werden wir die Krise bewältigen. Selbstverständlich ist es für die Menschen besonders schwer, deren finanzielle Decke dünn ist. Deshalb ist es richtig, einen Ausgleich für jene zu schaffen, so wie es die Politik versucht. 

Ich meine, wir sollten in dieser schwierigen Lage auch den Politikern gegenüber mehr Offenheit an den Tag legen und den Maßnahmen, Vorschlägen und Argumenten eine Chance geben. Wer jetzt glaubt, alles zu wissen, der irrt sowieso. Die Pandemie zwingt uns zu neuen Erkenntnissen, die es ohne sie nicht gegeben hätte. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Wir dürfen nicht zurück zu „Jeder gegen jeden!“. Es ist jetzt die Chance für eine neue Perspektive.

In der Pandemie wurden viele Fehler gemacht. Davon ganz unabhängig: Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Die, die man nur einmal macht. Fehler sind da, um aus ihnen zu lernen. Mein früherer, leider verstorbener Konzertveranstalter Fritz Rau hat oft gesagt: „Wir machen keinen Fehler zweimal. Wir sind kreativ und denken uns immer neue aus.“

Sie vertreten die Meinung, dass Menschen, die sich keine Ziele setzen, Gefahr laufen, zu verkümmern. Welche realistischen Ziele setzen Sie sich noch?

Sie spielen auf mein Alter an? Es ist alles eine Frage des Standpunkts. Mein Vater wurde 93 Jahre alt, die englische Königin ist mit 95 Jahren noch im Amt. Der ehemalige Bundesminister und spätere Bürgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi, hält mit über 90 Jahren noch beeindruckende Vorträge. Verglichen mit diesen Herrschaften bin ich beinahe noch jung. 

Sobald es wieder möglich ist, möchten meine Band und ich unsere Jubiläumstournee zu Ende spielen. Außerdem arbeiten wir daran, die neue Begegnungsscheune auf Gut Dietlhofen mit Leben zu füllen. Dort sollen Ausstellungen, Lesungen und Konzerte stattfinden. Was mir noch am Herzen liegt, ist der Erhalt der historisch bedeutsamen Kirchenburg in Radeln. Das ist das Dorf in Siebenbürgern, in dem wir mit unserer Stiftung aktiv sind.

Als wir vor zehn Jahren dorthin kamen, konnten in der Kirche noch Gottesdienste gefeiert werden. Das ist inzwischen nicht mehr der Fall. Der Turm ist vor einigen Jahren eingestürzt. Wir sind traurig, dass wir Zeugen dieses Verfalls werden, können ihn aber nicht aufhalten. Für Notsicherungen haben wir einmal 50 000 Euro ausgegeben, aber das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Um die Kirche zu retten, wäre ein Vielfaches nötig. 

Wir suchen nach Geldquellen und Geldgebern und möchten uns selber mit einem Benefizkonzert einbringen. Und schließlich möchte ich öfter auf dem Land sein und mich mehr mit der Natur beschäftigen. Davon träume ich. Und ich bleibe neugierig. Das Leben hält immer viele Überraschungen bereit.

Haben Sie Vorbilder?

Vorbilder weniger, aber es gibt eine ganze Reihe Menschen, die mich motiviert und inspiriert haben. Ich habe zum Beispiel mit vielen Musikern zusammengearbeitet, die etwas Bleibendes auf die Beine gestellt haben. Ich kann mich gut an ein Konzert mit Joan Baez erinnern, die mich mit ihrer Hilfsorganisation „Bread and Roses“ sehr beeindruckt hat. Wenig später haben wir entschieden, dass wir so etwas auch machen müssen. Diese Entscheidung hat zur Gründung unserer Stiftung geführt, die benachteiligten, kranken und traumatisierten Kindern unbeschwerte Ferienaufenthalte in intakter Umgebung ermöglicht.

Sie sind so alt wie die Bundesrepublik. Was wünschen Sie Deutschland und sich für die Zukunft?

Ich habe Kinder und deshalb allen Grund, mir über die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Planeten Gedanken zu machen. Wir haben fast überall in Europa eine Orientierung nach rechts, wir haben Fanatismus, Terrorismus und Bürgerkriege. Wir erleben den Rückzug aus der europäischen Perspektive, wir haben die erodierenden Länder, aus denen Menschen dorthin flüchten, wo Hoffnung auf eine bessere Existenz existiert. Wir verzeichnen eine desaströse ökologische Entwicklung und erleben die Ohnmacht und die Zerstrittenheit der politischen Entscheidungsträger, eine globale Lösung zu finden.

Trotzdem dürfen wir den Kopf nicht in den Sand stecken. Resignation ist keine Option! Es gibt immer eine Chance. Die Pandemie zeigt es: Gemeinsam handeln ist machbar, Verantwortung füreinander auch. Diese Quintessenz ist wertvoll und sollte unser Handeln in Zukunft bestimmen. Auch über Corona hinaus.

Unsere Stiftung beispielsweise existiert seit 21 Jahren. Das ist eine lange Zeit. Uns besuchen jedes Jahr etwa 1400 Kinder, denen es nicht gut geht. Sie kommen aus Krisengebieten, haben ihre Eltern verloren, wurden Opfer von Missbrauch oder Gewalt, sind verletzt worden oder krank. Sie stehen am Rand der Gesellschaft. Meine kleine Tochter ist drei Jahre alt, mein Sohn 18. Ich wünsche mir, dass alle Kinder in eine Welt hineinwachsen, die noch einigermaßen intakt ist.

Bleibt Ihr Lebensmotto.

„Wem nichts zu viel ist, dem gelingt fast alles.“ Das bedeutet, dass man dran bleiben muss, wenn man sich ein Ziel gesetzt hat, auch wenn der Weg sehr steinig und beschwerlich ist. Im Augenblick ist es für viele Menschen sehr schwer. Ich hoffe, dass sie ihre Kraft und ihren Mut nicht verlieren.

Interview: Andreas Raffeiner

29.12.2021 - Glaube , Interview , Musik