Für die vergessenen Opfer (Samstag, 11. Januar 2020 08:26:00) / Im Blickpunkt / Neue Bildpost

Späte Erinnerung

Für die vergessenen Opfer der NS-Zeit: "Berufsverbrecher" und "Asoziale"

Menschen, die während der national-sozialistischen Diktatur als sogenannte „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgt beziehungsweise in Konzentrationslagern inhaftiert wurden, sollen nach dem Willen des Bundestages als NS-Opfer anerkannt werden. Zu ihnen zählen die sogenannten vergessenen Frauen von Aichach. In der bayerischen Stadt soll künftig ein Denkmal an sie erinnern. 

Im Lauf dieses Jahres wird der Bundestag aller Voraussicht nach ein Gesetz zur Anerkennung der Opfer verabschieden. „Für die Häftlinge  endeten mit der Befreiung der Konzentrationslager die menschenverachtenden Qualen durch die Natio-nalsozialisten“, heißt es im Antrag von Union und SPD. „Während in den darauffolgenden Jahren die gesellschaftliche Rehabilitation für eine Vielzahl von Opfern einsetzte, wurden die als ‚Asoziale‘ und ‚Berufsverbrecher‘ Verfolgten ausgeblendet.“

Weiter führt der Antrag aus: „Der zivilisatorische Bruch durch die Aushebelung des Rechtsstaats bedeutete auch für sie Verfolgung, Verschleppung und Vernichtung in den Konzentra-tionslagern. Niemand wurde zurecht in einem Konzentra-tionslager inhaftiert, gequält und ermordet. Diskriminierung und Stigmatisierung waren für die Opfergruppen mit dem ‚grünen‘ und ‚schwarzen‘ Winkel vor und nach der NS-Terrorherrschaft weiterhin an der Tagesordnung.“ 

Diese Gruppe der „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“ wurde lange nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. 

Anders als Menschen, die wegen ihrer Religion, Zugehörigkeit zu einer Minderheit, Homosexualität, Rasse oder politischen Überzeugung inhaftiert wurden, lasse sie sich nur schwer greifbar machen. 

Beliebige Inhaftierungen

Bei „Asozialen“ griffen die Nationalsozialisten auf die bereits bestehende Abneigung gegenüber bestimmten Randgruppen wie Obdachlosen, Bettlern oder Prostituierten zurück. Sie wurden in den Konzentrationslagern durch einen „schwarzen Winkel“, den sie an ihrer Kleidung tragen mussten, kenntlich gemacht. Im Laufe der NS- Terrorherrschaft wurde der Begriff des „Asozialen“ immer ausufernder verwendet. Damit hatten die Natio-nalsozialisten das Instrument, An-dersdenkende und missliebige Personen willkürlich zu inhaftieren. 

Bei „Berufsverbrechern“, die im Lager einen „grünen Winkel“ tragen mussten, handelte es sich zunächst um Personen, die in der Regel wegen Eigentumsdelikten mindestens dreimal zu Freiheitsstrafen von mindestens sechs Monaten verurteilt worden waren. „Berufsverbrecher“ hatten also ihre Strafen verbüßt. Gegen sie lag zum Zeitpunkt der Inhaftierung in einem Konzentra-tionslager kein Tatverdacht vor. 

KZ für Bagatelldelikte

Ab 1942 wurden verurteilte Straftäter aus den Justizvollzugsanstalten in Konzentrationslager überstellt, wo sie ebenfalls mit dem „grünen Winkel“ der „Berufsverbrecher“ gekennzeichnet wurden. Zu dieser Gruppe gehörten auch die „Vergessenen Frauen von Aichach“, also jene mehr als 300 Gefangenen, die ab 1942 aus dem Frauengefängnis Aichach nach Ausschwitz deportiert worden waren, wo die meisten von ihnen nach kurzer Zeit starben. Oft handelte es sich um Frauen, die wegen Bagatelldelikten einsaßen. 

Für einen Erinnerungsort an diese Opfer des Nationalsozialismus setzt sich das Frauenforum Aichach-Friedberg ein: „Inzwischen ist unser Anliegen gediehen. Wir haben die offizielle Unterstützung des Bürgermeisters und des Stadtrats in Aichach“, sagt Forumssprecherin -Jacoba Zapf. Die Entscheidung über den Standort des Denkmals wird in Kürze erwartet. 

Für 2020 hat das Frauenforum einen Besuch aus Italien von Mitgliedern der Institute aus Como und Bergamo geplant, die sich mit der Geschichte des italienischen Widerstands befassen. Einige der Widerständlerinnen saßen in Aichach ein.

Der Antrag von Union und SPD fordert die Bundesregierung unter anderem auf, die Opfergruppen „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ zukünftig stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und ihnen einen angemessenen Platz im staatlichen Erinnern zu verschaffen. Zudem soll eine Ausstellung in Auftrag gegeben werden, die historische Information und gedenkendes Erinnern zum Schicksal dieser Verfolgten verbindet. Weiter sollen Forschungsarbeiten finanziert werden, um das Schicksal dieser Menschen weiter aufzuarbeiten.

Rudolf Stumberger

11.01.2020 - Bayern , Deutschland , NS-Zeit