Geboren und geborgen (Montag, 23. Dezember 2019 10:55:00) / Im Blickpunkt / Neue Bildpost

Gedanken zur Weihnacht

Geboren und geborgen

Zum Weihnachtsfest 1942, als Stalingrad eingeschlossen war und die eingekesselten Soldaten gegen Kälte und Hunger um ihr Überleben kämpften, zeichnete der evangelische Pastor und Lazarett-Oberarzt Kurt Reuber für seine Kameraden mit Kohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte die berühmt gewordene Stalingradmadonna. 1983 wurde dieses Marienbild der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche übergeben. 

Vor drei Jahren erschütterte kurz vor dem Heiligabend ein Terroranschlag am Weihnachtsmarkt unmittelbar neben dieser Kirche die Welt. Wieder wurde die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit ihrer Turmruine ein Mahnmal: Hass kann den Hass nicht austreiben. Das gelingt nur der Liebe. Finsternis kann keine Finsternis vertreiben. Das gelingt nur dem Licht.

„In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1). Mit diesen Worten des Weihnachtsevangeliums betrachten wir die erwähnte Schutzmantelmadonna. Die Darstellung trägt die Umschrift „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“. 

Unter ihrem Mantel birgt Maria das Jesus-Kind, das sie liebevoll ansieht und ihm Schutz und Geborgenheit gibt. In einem Brief an seine Frau schrieb Kurt Reuber: „Das Bild ist so: Kind und Mutterkopf zueinander geneigt, von einem großen Tuch umschlossen, Geborgenheit und Umschließung von Mutter und Kind. Mir kamen die johanneischen Worte: Licht, Leben, Liebe. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn man unsere Lage bedenkt, in der Dunkelheit, Tod und Hass umgehen - und unsere Sehnsucht nach Licht, Leben, Liebe, die so unendlich groß ist in jedem von uns!“

Der tiefere Sinn

Mitten im Unbehaust-Sein von Bethlehem wird Geborgenheit vermittelt. „Und das Licht leuchtet in der Finsternis.“ Maria birgt ihr Kind, das ganz Licht ist, in ihrem Schoß und wärmt es mit ihren Armen. Geborensein im Geborgensein. Ist nicht das der tiefere Sinn der Weihnachtsbotschaft? 

Gilt das auch für uns? Die Weihnachtsbotschaft sagt uns: Geborensein heißt Geborgensein. Aber ich wage es kaum auszusprechen. Ich hoffe, dass die meisten das so empfinden, dass sie sich selbst bejahen und sagen können: Es ist gut, dass auch ich geboren bin. Ich wünschte mir, dass wir alle das sagen könnten. Aber viele Menschen gibt es, die es mit sich und mit anderen schwer haben. Auch sie, ja gerade sie gehören zu uns und sollen Weihnachten feiern. Auch sie sollen erfahren können, dass Geborensein Geborgensein bedeutet. 

Menschen erleben das Gegenteil: nicht geborgen, sondern eingekesselt in Krieg, Terror, Vertreibung, Hunger und Elend, heimgesucht von Heimatlosigkeit und Ausweglosigkeit. Kann ich dann einfach sagen: Mich geht das nichts an, ich selbst bin ja glücklich? Kann ich daran vorbeigehen?

Jesus spricht: Vertraut mir

Eine Antwort auf die Not in der Welt gibt uns das Geheimnis von Weihnachten: Christus wurde für mich und für Dich, für jeden Menschen geboren. Er blieb nicht für sich, sondern hat sich unserer Not ausgesetzt. Von der Geburt, über die Flucht bis zu seinem Sterben, von der Krippe bis zum Kreuz hat er sich unserer Not freiwillig ausgesetzt. Er hat sich hineingewagt in dieses unser Leben einer gefallenen Schöpfung, die sich von Gott abgewendet hat. Und er spricht auch heute: Ich gehe mit Dir, mit Euch. Ich trage Dich, ich trage Euch alle. Vertraut mir!

Maria und Josef sind den Weg des Ausgesetzt-Seins des göttlichen Kindes mitgegangen. „In der Herberge war kein Platz für sie.“ Selbst den Stall mussten sie hinter sich lassen und vor Herodes flüchten. Gehen wir im Geiste zu diesem Kinde, das sich auf unsere Armut eingelassen hat. Dann bereitet es uns und wir mit ihm mitten im Ausgesetzt-Sein unserer Zeit die ersehnte Geborgenheit der Heiligen Nacht.

„Unsere Sehnsucht nach Licht, Leben, Liebe ist so unendlich groß in jedem von uns!“, schrieb Kurt Reuber. Die Antwort geben die Engel den Hirten von Bethlehem und heute auch uns: „Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde eine große Freude! Heute ist Euch der Retter geboren! Es ist Christus, der Herr!“ Frohe, geborgene Weihnachten! 

Ihr Maximilian Heim OCist, 

Abt des Stifts Heiligenkreuz

23.12.2019 - Christus , Deutschland , Weihnachten