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Missbrauchsfälle im Erzbistum München und Freising

Im Sturm der Skandale

Bei der Vorstellung des Gutachtens zu Missbrauchsfällen in der Erzdiözese München und Freising wurde auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. (2005 bis 2013) schwer belastet. Von 1977 bis 1982 war er dort Erzbischof. Er werde zu den Vorwürfen noch Stellung nehmen, kündigte sein Privatsekretär an. Im Vatikan betont man vor allem den Einsatz des früheren Papstes für die Aufarbeitung von Missbrauch.

Am Tag der Veröffentlichung des Gutachtens gab Benedikts Privat­sekretär, Erzbischof Georg Gänswein, gegenüber Journalisten eine kurze Erklärung ab. Der 94-Jährige werde „noch einige Zeit“ benötigen, um die gesamte Studie der Münchner Anwaltskanzlei durchzusehen. Er werde „den sehr umfangreichen Text mit der nötigen Sorgfalt studieren und prüfen“.

Der emeritierte Papst sei „gerade in diesen Tagen seiner früheren Erz- und Heimatdiözese nahe“ und „ihr im Bemühen um Aufklärung sehr verbunden“, erklärte Gänswein. „Besonders denkt er an die Opfer, die sexuellen Missbrauch und Gleichgültigkeit erfahren mussten.“

Papst Franziskus vermied es bisher, sich zu den Anschuldigungen gegen seinen Vorgänger zu äußern. Doch eine indirekte Antwort gab er: Einen Tag nach der Veröffentlichung des Gutachtens bekräftigte er bei einem Treffen mit den Mitgliedern der Glaubenskongregation das Bemühen, in Fällen von sexuellem Missbrauch die Täter zu ermitteln und zu bestrafen. Zudem betonte er die völlige Unantast­barkeit des menschlichen Lebens. 

Die Mitarbeiter der Kongregation, die für die Bearbeitung von Missbrauchsfällen in der Kirche zuständig ist, rief der Papst zu Gerechtigkeit für Opfer und zu Härte im Umgang mit Tätern auf. An der Begegnung im Vatikan nahm auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer teil, der Mitglied der Glaubenskongregation ist. 

Die Kirche gehe diesen Weg – mit Gottes Hilfe – weiter, sagte der Pontifex, „mit dem Auftrag, Gerechtigkeit zu den Opfern der Missbräuche durch ihre Mitglieder zu bringen, indem sie mit besonderer Aufmerksamkeit und Strenge das vorgesehene Kirchenrecht anwendet“.

Ausführlicher Kommentar

Auf die mit der Veröffentlichung des Gutachtens laut gewordenen Vorwürfe gegen Franziskus’ Vorgänger war im Vatikan so gut wie niemand vorbereitet. In einem ausführlichen Kommentar nahm der päpstliche Mediendirektor und Chefredakteur von Vatican News, Andrea Tornielli, dazu Stellung. 

„Die Rekonstruktionen des Münchner Gutachtens, das wohlgemerkt keine gerichtliche Untersuchung, geschweige denn eine endgültige Verurteilung darstellt“, schreibt er in einem Editorial, „werden zur Bekämpfung und Aufarbeitung der Pädophilie in der Kirche beitragen, wenn sie sich nicht auf die Suche nach einfachen Sündenböcken und Pauschalurteilen beschränken.“ Nur wenn Gutachten diese Risiken vermieden, könnten sie zu einer Suche nach Gerechtigkeit in der Wahrheit und zu einer kollektiven Gewissenserforschung über die Fehler der Vergangenheit beitragen.

In erster Linie aber hebt Tor­niel­li die Verdienste des emeritierten Papstes im Kampf gegen Missbrauch hervor: Joseph Ratzinger sei der erste Papst gewesen, der auf seinen Apostolischen Reisen mehrmals mit Missbrauchsopfern zusammentraf. „Es war Benedikt XVI., der inmitten des Sturms der Skandale in Irland und Deutschland das Gesicht einer bußfertigen Kirche zeigte, die demütig um Vergebung bittet, die Bestürzung, Reue, Schmerz, Mitgefühl und Nähe empfindet“, erklärt der Chefredakteur.

Das in München vorgestellte Dokument werde der Heilige Stuhl bewerten und ihm die „gebührende Aufmerksamkeit schenken“, versicherte der Sprecher des Vatikans, Matteo Bruni. Er beteuerte, dass „der Heilige Stuhl sein Gefühl der Scham und der Reue über den Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker bekräftigt und allen Opfern seine Verbundenheit zusichert“.

Mario Galgano

04.02.2022 - Deutschland , Missbrauch , Papst